Der Talentschuppen

Am Sonntag wird der Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost für die beste Theaterinszenierung 2004 im Hebbel-Theater an "Grete" verliehen. Herausgekommen ist das Stück allerdings im kleinen Theater unterm Dach.

Kunst hält fit. Den Beweis liefert das Theater unterm Dach. Wer dort eine Vorstellung besucht, muß zahlreiche Treppenstufen erklimmen. Wobei ganz oben, also wirklich unterm Dach, die Intendantin residiert.

Klingt gut, stimmt nicht ganz. Denn erstens fühlt sich Liesel Dechant nur als Theaterleiterin - schließlich besteht der ganze Betrieb nur aus zwei Technikern und ihr. Und zweitens: In Liesel Dechants Büro, vier Stufen tiefer als der Flur, sonst würde man sich an den schrägen Wänden den Kopf stoßen, stehen neben Schreibtisch, Computer und Telefon auch ein Fernseher, ein Videorekorder, ein Kühlschrank mit Tiefkühlfach, zwei Kaffeemaschinen und ein Toaster, der aussieht, als ob man damit auch Grillen kann. Aber wo so viele überlebenswichtige Dinge herumstehen, kann kein Ort zum Residieren sein.

Sondern zum Arbeiten. Wobei er nicht nach geregelten Dienstzeiten im Geiste des öffentlichen Dienstes aussieht. Müßte er eigentlich. Denn das Theater unterm Dach an der Danziger Straße 101 im Prenzlauer Berg ist keine klassische Off-Bühne, sondern eine Einrichtung, die zum Kulturamt Pankow gehört. Der Bezirk übernimmt die Gehalts- und Betriebskosten und stattet das Haus mit einem aus kommunaler Sicht beachtlichen, aber vergleichsweise bescheidenen Produktionsetat von etwa 40 000 Euro aus. Mit dieser Summe, die im Staatstheater schon mal für einen Regiestar gezahlt wird, macht die 49jährige ein Jahr lang Programm. Das geht natürlich nur, wenn es Koproduzenten gibt oder Projektförderung aus anderen Töpfen. Aber Liesel Dechant klagt nicht. Zwar gebe es im Bezirk regelmäßig Diskussionen um die Zuwendung, aber "die Existenz des Hauses wird nicht in Frage gestellt". Und das ist in diesen Zeiten eine gute Nachricht.

Liegt wohl auch daran, daß das Theater unterm Dach erfolgreich arbeitet. Hier wird keinem ästhetischen Trend gehuldigt. Statt dessen will Liesel Dechant "jungen Regisseuren eine Startmöglichkeit im Moloch Berlin geben". Das ist nicht einfach in einer Stadt, in der im Off-Bereich an einem Wochenende locker 60 Aufführungen angeboten werden. Liesel Dechant hat mal nachgezählt. Wenn man sich für jedes Projekt "ein neues Publikum erschließen muß, aber praktisch keinen Werbeetat hat, muß man Qualität bieten", betont die Theaterleiterin. Deshalb legt sie den Regisseuren ans Herz, nur mit professionellen Schauspielern zu arbeiten. Flops kann es natürlich trotzdem geben, die gehören zum Theater wie eine Publikumsreaktion am Ende der Vorstellung.

Die Nachwuchsförderung hat Tradition in dem Theater, das älter aussieht, als es tatsächlich ist. Was daran liegt, das in dem Haus mit dem markanten Balkon, auf dem nach den Vorstellungen an lauen Nächten diskutiert werden darf und der dank Transparent auch als Werbefläche dient, früher die Verwaltung des Gaswerks Nord untergebracht war. Am 1. April 1986 wurde das Theater anläßlich des bevorstehenden 100. Geburtstages von Ernst Thälmann, dessen Denkmal den benachbarten Park dominiert, eröffnet. Allerdings nicht als Haus der jungen Talente, obgleich es das faktisch war.

Jo Fabian hat hier Anfang der neunziger Jahre seine ersten Berlin-Produktionen herausgebracht, es folgten u. a. Astrid Griesbach, Jan Jochymski und Sebastian Hartmann. Und natürlich Anja Gronau, die ihre in Hamburg begonnene Dramatisierung klassischer Mädchenfiguren erst mit den in Berlin realisierten Stücken "Johanna" und "Grete", das den Friedrich-Luft-Preis 2004 erhält, zur Trilogie vollendete. Nicht zuletzt auf Drängen von Liesel Dechant.

Für die Künstler ist die Theaterleiterin die "Seele des Betriebs". Sie selbst sieht sich eher als "Mädchen für alles". Sechs Tage in der Woche kümmert sie sich um ihre Bühne. Mittlerweile nimmt sie sich montags immer frei. Ein Tag zum Durchatmen. Liesel Dechant wechselte im Sommer 1996 ans Theater unterm Dach. Davor war sie nur ein paar Schritte weiter beschäftigt: Als "Programmgestalterin in der Wabe".

Ihrem Mann sind die familienunfreundlichen Arbeitszeiten vertraut: Er arbeitet Schauspieler am carrousel-Theater. Und die beiden Kinder sind mittlerweile erwachsen. Der 21jährige Sohn hilft trotzdem noch gelegentlich abends an der Kasse aus. So ist das im Off-Theater. Auch wenn es eine bezirkliche Einrichtung ist.