Zauberhafte Schinderei

1. Tag. Draußen über der Eisentür leuchtet in rotem Licht "Aufnahme". Drinnen wird ein Hörspiel produziert. "Maria, Ihre Katastrophe. Die Verzweiflung der Hausfrau brauchen wir in der Szene. Noch mehr griechische Tragödie. Sie klagen den Göttern." Regisseur Götz Naleppa hält den Knopf am Mischpult gedrückt. So kann Schauspielerin Maria Hartmann seine Regieanweisung über Lautsprecher hören. Beide trennt eine Glasfront.

Hier der stickige Regieraum, in dem sich Regisseur, Toningenieur, Tontechnikerin und Regieassistent hinter ein raumfüllendes Mischpult quetschen. Dort der weitläufige Aufnahmeraum, wo die Schauspielerin mit Manuskript in der Hand vor einem Mikrofon steht, inmitten von Schallschutz-Paravents, hohen schweren Vorhängen, Requisiten wie Regenschirm und Holzlatten. Hartmann spricht ihre Rolle für das Hörspiel "Naturgewalten". Sie spielt Geneviève, die akribisch Appetithäppchen angerichtet hat. Und jetzt das: Die Gäste bleiben aus.

Hartmann nickt dem Regisseur zu. Sie hebt zum Sprechen an. Er hebt dirigierend die Arme, schließt die Augen. Tontechnikerin, Toningenieur, Regieassistent stellen jede Bewegung ein. Alle Konzentration liegt im Gehörgang. Aus der Stille heraus durchdringt Fassungslosigkeit die wuchtigen Lautsprecher, erfüllt den Regieraum: "Und was soll ich jetzt mit dem ganzen Essen machen? Die kommen nicht mehr! Ich kann's doch nicht wegwerfen." Ein einziges Wehklagen.

Die Frau und die drei Männer im Regieraum spüren den Worten nach, erlauschen den Klang echohaft. Gibt es störende Lippengeräusche? Falsche Atmer? Ist die Betonung richtig? Klingt die Stimme echt? Entspricht sie der Figur? Vor allem: Stimmt der Rhythmus? Der Regisseur lächelt. Nach dem Etappensieg teilen sich Maria Hartmann und ihr Sprechpartner Gerd Wameling einen Apfel.

"Denkt musikalisch-rhythmisch mit dem Text. Nicht naturalistisch." Das ist das Credo. Das wird der Regisseur an den weiteren fünf Tagen allen 13 Schauspielern sagen, die für Sprachaufnahmen ins Studio 6 des Deutschlandradios kommen werden. Produziert wird ein Hörspiel von David Lescot für den Saarländischen Rundfunk mit Deutschlandradio Kultur als Koproduzent - eine von rund 20 Ko- neben 70 Eigenproduktionen pro Jahr im Bereich Hörspiel/künstlerisches Feature, womit das Berliner Funkhaus eine Spitzenposition unter den Sendern in der Bundesrepublik einnimmt.

Der Regisseur selbst hat die Komödie aus dem Französischen übersetzt. Autor Lescot erzählt von einem Weltumsegler, der fern der Zivilisation allen Naturgewalten trotzt. Und von zwei tölpelhaften Pärchen inmitten der Zivilisation. Seinen Witz bezieht das Stück über das Radio, das - als Hauptperson - die Handlung der Figuren ironisch kommentiert.

6. Tag. Patsch, patsch, patsch. Deutliche Frauenschritte auf regennassem Asphalt. Digital aufgezeichnet. Das Trampeln der Schauspielerin Andrea Sawatzki mit flachen Stiefeln auf zwei nassen Geschirrtüchern. Aufgenommen im resonanzarmen Raum, dem Schalltoten, der eine nachträgliche elektronische Bearbeitung der Aufnahmen ermöglicht. Alles Notwendige liegt nun für die Mischung digital vor: Sprachaufnahmen, (Archiv-)Geräusche, Radio France-Schnipsel. Gearbeitet wird an der Szene mit der Reifenpanne der Gäste Eveline (Sawatzki) und Jacques (Detlef Jacobsen). "Das Vibrieren des Reifens braucht eine gleichbleibende Frequenz", findet Toningenieur Lutz Pahl. "Du denkst zu logisch", springt Regisseur Naleppa auf. "Das muß Crescendo haben mit kürzer werdenden Intervallen", pflichtet Tontechnikerin Barbara Zwirner bei. "Danke Barbara", zeigt sich der Regisseur zufrieden. Regieassistent Thomas Doktor hält sich raus. Widerstrebend greift der Ingenieur zur Computermaus und verändert den auf zwei nebeneinander stehenden Bildschirmen abgebildeten zackigen Herzrhythmus, der alle Tonaufnahmen visuell wiedergibt. Ruuums, rums, rms, rrrm, rrrrrr, ruuuuuuuums. Denkt musikalisch-rhythmisch ...

10. Tag. Alle sind nervös, heute soll die Abnahme vor den Kollegen sein. Noch müssen zwei Szenen gemischt werden. Die Übergänge ebenso. Deutschlandradio-Kultur-Hörspielchefin Stefanie Hoster zuckt mit den Schultern: "Ich hab' ja gleich gesagt, die Radioebene ist schwierig zu montieren." Wir Zuhörer sind letztmalig auf der Terrasse bei Geneviève (Maria Hartmann) und Simon (Gerd Wameling). Der Regieassistent spielt Windböen, Gewittergrollen, Hagel aus dem Archiv ein. Simon plagt sich, Gartenstühle aufzubauen, klappert mit Schraubenziehern (Wameling im Schalltoten). Helle Stuhltöne werden "vermumpft" und "gefiltert". Wir hören beide, mal deutlich, mal undeutlich - "entsprechend dem Wind, der die Satzfetzen zu uns trägt", wie Regisseur Naleppa meint. Das Radio soll "gefeatured rauspoppen" an wichtigen Stellen. Simon will den Naturgewalten trotzen: "Ich stelle den großen Sonnenschirm auf", brüllt er gegen das Donnergrollen an, das "hervorgeholt" wird. "Flapp-Flapp" macht der Sonnenschirm beim Umklappen. Tontöpfe scheppern (Naleppa im Schalltoten) und werden von stereo auf "punktuell"-mono gelegt. "Hilf mir, sonst flieg ich weg", ruft Simon seiner Frau zu. Dann sein Schrei ...

Stimmen, Klang und Raum lassen die Figuren leben. Kino im Kopf. Individuell, einzigartig. Da kann die Fantasie mit dem Hörer durchgehen. Der Regisseur grinst: "Und wie kriegen wir Wameling jetzt wieder vom Dach runter?"

"Naturgewalten": Deutschlandradio Kultur. UKW 89,6. 6. April 21.33 Uhr.