Geitels Geschichten

Mit den Buddenbrooks im Reisezug

| Lesedauer: 3 Minuten
Klaus Geitel

Im Grunde müsste ich mich beim Betreten meiner Wohnung, im Korridor schon, immerfort tief verbeugen.

Denn dort stehen die Regale mit den landläufigen Klassikern (nicht natürlich der 58bändige, noch zu seinen Lebzeiten erschienene Ausgabe "Goethe letzter Hand", bereichert noch mit dem wahrhaft unentbehrlichen Registerband seines Sekretärs Dr. Riemer, über dessen Wichtigtuerei sich Thomas Mann im "Doktor Faustus" so nachhaltig lustig macht. Dieser Goethe wird von mir separat verwahrt und gehätschelt. Im Korridor steht nur die Taschenbuch-Ausgabe in immerhin 36 Bänden. Früher, wenn ich aus dem Haus ging, blieb ich regelmäßig vor der Bücherwand stehen und fischte mir aus dieser Goethe-Flut so etwas wie Wegzehrung heraus.

Mein Respekt, meine Hochachtung, meine Bewunderung galt stets den Bücherschreibern. Vor allem natürlich jenen Autoren, deren Werke ich noch gar nicht kannte. Man biss ja auch nicht gleich blindlings in jede Neuerscheinung wie in einen Apfel. Man war auf der Hut! Als Knaben hatte man uns zudem befohlen, und wir hatten es uns brav gemerkt, alles, was auf den Teller kam, bis auf den letzten Happen zu essen.

Man las infolgedessen treu und brav buchstäblich alles bis zur letzten Zeile. Das konnte einen schon verdrießen. Man lernte beiläufig den Urfeind allen Lesevergnügens, die Langeweile, aufs Gründlichste kennen. Man merkte jedoch auch mit der Zeit: Artiges Lesen führt zu gar nichts, rebellierendes Lesen dagegen mitunter zu einem lustigen Samstagabend.

Es wird einem Leser ja nicht an der Wiege gesungen, welche Autoren er einmal lieben wird. Es gilt, sie sich zu erobern. Das geschieht natürlich auf mancherlei Umwegen. Ich erinnere mich deutlich (und schmunzelnd) an eine Ferienreise mit meiner Mutter während des Krieges nach Marienbad. Im Zug saß mir eine sehr elegante, wundervoll frisierte jüngere Dame gegenüber, die in ihre Lektüre geradezu versunken schien. Nie hob sie ihr feines Gesicht. Selbst die Farbe ihrer Augen ließ sich nur erraten. Was las sie nur, derart in ihre Lektüre versenkt?

Als sie zum Mittagessen im Speisewagen verschwand, griff ich sofort ihr liegen gelassenes Buch und forschte flugs nach dem Titel. Es waren die "Buddenbrooks" von Thomas Mann. Und das mitten im Kriege! Die Dame las in aller Öffentlichkeit, ganz ungeniert und zu allem Überfluss auch noch rechtschaffen begeistert, einen verbotenen Autor. Musste ich sie nun als Staatsfeindin anzeigen auf der nächsten Station? Oder zumindest den Schaffner von ihrer aufrührerischen Lektüre unterrichten? Oder musste ich gar nichts tun und sie, die schöne Geheimnisvolle, einzig und nachhaltig bewundern. Ich entschloss mich für Letzteres. Und überdies, so schnell wie möglich, die "Buddenbrooks" selber zu lesen. Es sollten über der Ausführung dieser löblichen Absicht allerdings noch einige Jahre vergehen.

Anderes kam dazwischen. Zum Beispiel ein mir vollkommen unbekannter Autor polnischer Herkunft, der ein unübertrefflicher englischer Schriftsteller wurde: Joseph Conrad. Gleich zweimal habe ich alle seine Romane in unterschiedlichen Übersetzungen gekauft und unersättlich verschlungen. "Lord Jim" war das erste Buch und ich streite seit langem mit mir, ob ich nicht endlich damit beginnen sollte, es wieder zu lesen. Doch ich schrecke immer aufs Neue davor zurück. Ich wäre möglicherweise enttäuscht, und wer will schon die schönsten seiner Erinnerungen aufs Spiel setzen und sie damit möglicherweise verlieren?

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern