"Populäre Konzerte" mit Josef Rebicek

Die Gedenkausstellung für Wilhelm Furtwängler in der Philharmonie ist nun abgebaut. Ins Vergessen wird er dennoch garantiert nicht versinken. Seine einzigartige Kunst lebt auf unzähligen Schallplatten fort. Sogar die alte Aufnahmetechnik kann ihr nichts anhaben. Selbst wenn man die Philharmoniker-Aufnahmen von der Ägyptentournee hört und man meint, Nofretete persönlich habe damals vielleicht als Aufnahmeleiterin fungiert, macht der künstlerischen Einzigartigkeit seiner Interpretationen keinen Abbruch.

Nun sonnen sich die Philharmoniker ja gern im Glanz vieler großer Namen, beginnend mit Hans von Bülow und Arthur Nikisch bis hin zu Karajan, Abbado und Sir Simon Rattle. Einer ihrer Stammdirigenten wird aber stets übergangen: Josef Rebicek. 1897 übernahm er, vormals Hofkapellmeister in Wiesbaden, die Leitung der "Populären Konzerte" der Berliner Philharmoniker. Vor Jahr und Tag schon habe ich die unglaubliche Autographensammlung erworben, die er selber zusammentrug. Bild für Bild ist ihm gewidmet. Einige davon habe ich inzwischen an junge Musiker verschenkt.

Maxim Vengerov, damals sechzehn oder siebzehn, bekam bei seinem ersten Auftritt in Berlin das Autograph von Emil Sauret, dem großen Geiger, der die Kadenzen zu Paganinis Violinkonzerten arrangiert hat. Vengerov hatte sie gerade mit Bravour für die Schallplatte eingespielt. Ignaz Paderewskis signiertes Bild, des einzigen Pianisten den es je auf den Stuhl eines Staatspräsidenten erhob (auf den Polens nämlich) ging an Homero Francesch, als er (mit mir als Moderator zur Seite) auf einen einzigen grandiosen Tastenhieb die "Iberia"-Suite von Albeniz komplett aufführte.

Das berühmte, Rebicek handschriftlich zugeeignete Photo von Eugène Ysaye, mit der amerikanischen Flagge über dem Geigenkasten, machte ich Frank Peter Zimmermann zum Geschenk. Es schmückt jetzt, wie er mir sagte, die Wand seines Musikzimmers. Zimmermann hatte sich gerade den Solo-Sonaten Ysayes zugewendet, der übrigens einst als Konzertmeister am 1. Pult der Bilseschen Kapelle gesessen hatte, aus der sich die Philharmoniker abspalteten, um künstlerisch auf eigenen Füßen zu stehen.

Rebicek war kein Jüngling mehr, als er für die letzten sieben Jahre seines Lebens nach Berlin übersiedelte. Sein Job war nicht leicht. Jeder konnte, wenn das nötige Kleingeld hatte, sich die Philharmoniker mieten, um sich der staunenden oder auch meckernden Öffentlichkeit als Solist oder Solistin zu präsentieren. Zwischen den künstlerischen Stichlingen kamen aber unter Rebicek auch die Superstars der Zeit geradezu im Schwarm geschwommen. Das belegen allein schon die ihm dankbar gewidmeten Photos. Nellie Melba, unsterblich allein schon durch das Eis, das Escoffier nach ihr benannte, sang unter Rebicek, aber auch die unvergessene Marcella Sembrich, die in New York 242 mal die "Lustige Witwe" verkörperte, die gloriose Koloratursopranistin.

Aber auch Anton Rubinstein trat unter Rebicek auf. Franticek Ondricek, der weltberühmte und gleichzeitig höchst neugierige Geiger, der Paganinis Leichnam hatte ausgraben lassen und ihn in einem Glassarg beigesetzt fand, war Rebiceks Gast. Die Genies gaben sich bei ihm gewissermaßen die Klinke in die Hand, und natürlich schadete es auch nichts, wenn sie schön und allein dadurch schon attraktiv waren wie Ferruccio Busoni, der prompt neben Marlene Dietrich begraben liegt, oder die Pianistin Teresa Carreno, eine der vielen Ex-Frauen von Eugen d'Albert, der auch unter Rebicek konzertierte. Von altersher war Berlin eine Musikstadt allererster Ordnung, auch wenn sie Rebicek, den Ordnungshüter im Populären, bis heute sträflich vernachlässigt hat.