Theatertreffen

Wenn die Tresortür klemmt, geht nichts mehr

Die Gegenwart hat 'ne Dauerkarte bei diesem Theatertreffen. Die Krise, das Kapital, das Prekariat. Die drei Halunken sind auf jeder Premierenfeier ganz vorne mit dabei. Gut, wenn das Theater auf die Zeit reagiert, und zwar möglichst ohne große Verzögerungen.

Noch besser, wenn es schon vorher wüsste, was kommt. Dafür müsste es schnell sein, sehr schnell sogar. So schnell etwa wie die Blogger vom Theatertreffen-Blog, das an dieser Stelle ausdrücklich zu würdigen ist. Nicht nur, weil dort TT-Bloggerin Judith Liere als Quasi-Butzbacherin (aufgewachsen in 10 km Entfernung) anlässlich Christoph Marthalers für die Wiener Festwochen entstandene Inszenierung "Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie" mal grundsätzlich aufklärt über Schlachtfeste und den Butzbacher "Blutwursttag". Sondern auch, weil man unter www.theatertreffen-blog.de rechtzeitig getwittert bekam, dass es saukalt und warme Kleidung sehr zu empfehlen sei für den Hangar 5 am Flughafen Tempelhof, wo Marthaler zusammen mit seiner Bühnenarchitektin Anna Viebrock sein "Riesenbutzbach" aufgebaut hatte (letzte Vorstellung: heute, 20 Uhr, Restkarten sind noch zu haben).

Nach einem Schlachtfest steht diesen 15 Riesenbutzbachern nicht der Sinn. Sie hausen in einer Art Lager mit Gebrauchtmöbeln, die ihnen unter dem Hintern weg verkauft werden. Der Bankangestellte kriegt seinen Tresor nicht mehr auf und fordert: "Reißen Sie sich jetzt bitte mal zusammen und gehen Sie einkaufen!" Bettina Stuckys Konsumsucherin zweifelt noch: "Ist das jetzt ein Stillstand oder sind wir schon zusammengebrochen?"

Der Butzbacher Wohlstandsdampfer ist schwer Leck geschlagen, den Bewohnern geht nach und nach die Luft aus, Lars Rudolph in der Rolle einer "zukünftigen Führungskraft" sogar ziemlich plötzlich, weil er Trompete spielen muss und dabei vor lauter Atemnot umkippt. Überhaupt gibt's wieder viel Musik: Bach, Mahler, Schubert, Beethoven in choralen Arrangements und ganz ohne Ironie, die kommt erst bei "Staying alive" von den Bee Gees.

Er kommt ein bisschen schwer in Gang, dieser Abend, und entfaltet erst im letzten Drittel seine subtile Wucht. Etwa bei der Modenschau, für die der Catwalk unter dem eingemeißelten Schriftzug "Institut für Gärungsgewerbe" endet. Vom Kapital verlassene Prekarier stellen ihre krisengeschüttelten Leiber zur Schau. Übrigens: Das "Institut für Gärungsgewerbe" ist keine Erfindung, sondern steht im Wedding. Seit mehr als 100 Jahren, wenn das mal kein Grund zur Hoffnung ist.