Kunst

Weltrekord: Unbekannter bot 106,4 Millionen für Picasso

Nun geht das große Rätselraten wieder los: War es der Casinomogul Steve Wynn, den Nicholas Hall am Dienstagabend in New York am Telefon hatte - und der schließlich nach acht Minuten und sechs Sekunden den neuen Weltrekordpreis von 106,4 Millionen Dollar für Pablo Picassos Gemälde "Akt mit grünen Blättern und Büste" bewilligte?

Oder war es die Bankierswitwe Lily Safra, in deren Apartment seit Jahren auch andere ehemalige Rekordbilder vermutet werden? War es der Textilunternehmer Leslie Wexner, dessen Bekleidungsfirma "Limited Brands" den 72-Jährigen seit Jahren in der Forbes-Liste der reichsten Amerikaner weit nach oben bringt? Oder doch Roman Abramowitsch, wie die in solchen Dingen meist gut informierte "New York Times" sofort nach der spektakulären Auktion vermutete?

Gegen den russischen Unternehmer spricht, dass er sich eher für Fußball, Francis Bacon und Damien Hirst interessiert als für Altmeister-Gemälde. Und Nicholas Hall, der das Rekordgebot am Telefon entgegennahm, ist eigentlich der Altmeister-Experte des Hauses Christie's - für Picasso also überhaupt nicht zuständig. So umfasst die Sammlung seines am Dienstag erfolgreichen Kunden wohl nicht nur die letzten siebzig Jahre.

Gegen fünf andere Bieter musste sich der anonyme Käufer durchsetzen, und das ist die eigentliche Sensation der Christie's-Auktion. Als erst im Februar die Giacometti-Skulptur "L'homme qui marche" mit 104,3 Millionen Dollar für einen neuen Auktionsweltrekord gesorgt hatte, waren es gerade einmal zwei Interessenten, die bis zuletzt um die Plastik aus Besitz der Dresdner Bank kämpften.

Dass es nun gleich sechs Sammler gab, die bereit waren, 100 Millionen Dollar für ein Kunstwerk zu bezahlen, belegt nicht nur die Stärke des Markts. Der neue Rekord ist auch ein Beweis dafür, dass sich Sammler engagieren, denen es um die Kunst selbst geht und nicht um Investition. Ob sich nämlich der Kaufpreis von 106,5 Millionen Dollar bei einem Wiederverkauf erneut erzielen ließe oder sogar ein Gewinn zu erwirtschaften wäre, kann gerade am Kunstmarkt, dessen Launen häufig wechseln, niemand garantieren.

Sieben der zehn teuersten auf Auktionen verkauften Kunstwerke sind seit ihrem letzten Besitzerwechsel in anonyme Privatsammlungen verschwunden. Vincent van Goghs "Porträt des Dr. Gachet", das 1990 82,5 Millionen Dollar erbrachte, tauchte zwar noch einmal kurz in den Akten des Prozesses gegen den österreichischen Banker Wolfgang Floettl auf, ist seitdem aber abgetaucht. Von Picassos "Jungem Mann mit Pfeife" fehlt seit Mai 2004 jede Spur (104,1 Millionen Dollar). Es waren Trophäen der Klassischen Moderne, die diese enormen Preise erzielt haben. So auch diesmal wieder: Picassos Rekord-Akt ist ein herausragendes Werk aus den von seinen Sammlern besonders gesuchten frühen Dreißigerjahren. Ganz offensichtlich wurden all diese Werke nicht nur gekauft, um bald mit Gewinn wieder abgestoßen zu werden - anders als viele Renoirs, Monets und Modiglianis aus der Mittelpreisklasse.