"Frau, komm!"

Schmerz und Scham

Manchmal ist Überleben schlimmer als sterben. Dieses Gefühl jedenfalls hatten viele Frauen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs Opfer von Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten wurden. In den meisten Fällen schwiegen sie, so wie die Mutter von Günter Grass.

In seinem Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" berichtet der Nobelpreisträger, wie er sie fragte: "Wie ist es Dir ergangen? Haben die Russen Euch...?"

Aber Grass bekam keine Antwort: "Mehrmals erlittene Gewalt hatte die Mutter verstummen lassen. Sie war gealtert, kränkelte bereits. Wenig war von ihrer Heiterkeit und Spottlust geblieben." In den wenigen bleibenden Jahren ihres Lebens verlor Mutter Grass nie ein Wort über das, was ihr 1945 angetan worden war. Auch seine Schwester Waltraud äußerte sich nie, was sie in Danzig erlebt hatte, als "die Russen kamen". Sie trat in einen Nonnenorden ein.

Der Schriftsteller hat, wenngleich erst Jahrzehnte später, das Schweigen gebrochen, das vielfach über der sexuellen Gewalt gegen Frauen 1945 liegt. Noch mehr als andere vom gewalttätigen 20. Jahrhundert geschädigte Menschen haben sich vergewaltigte Frauen zurückgezogen - zum Schmerz kam die Scham. Wenn überhaupt, haben sie sich erst im hohen Alter zu äußern vermocht.

Auch in der deutschen Öffentlichkeit wurde das Thema lange ignoriert - bis der Sensationserfolg des anonym veröffentlichten Berichts "Eine Frau in Berlin" 2003 das änderte. Der danach gedreht Film enttäuschte zwar, doch das Tabu war gebrochen. Seither sind einige lobenswerte Analysen erschienen, etwa von der Journalistin Ingeborg Jacobs unter dem treffenden Titel "Freiwild". Der Jurist und frühere Kultursenator von Hamburg Ingo von Münch hat jetzt mit "Frau, komm!" ein Buch über die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45 veröffentlicht. Sein Antrieb war unter anderem ein persönliches Erlebnis: bald nach Kriegsende lernte er ein Mädchen kennen, von dem er erst viele Jahre später erfuhr, dass sie 1945 selbst vergewaltigt worden war. Die Erschütterung darüber klingt in seinem Buch vielfach durch.

Münch beschäftigt sich als Jurist und als persönlich betroffener Mensch mit dem Thema, nicht als Historiker. Diese Mittelposition zwischen Zeitzeugen und Analytiker tut dem Buch nicht immer gut; an manchen Stellen hätte man sich eine eindeutige Position gewünscht. So greift er Journalisten an, die zu seinem Ärger die Autorin des Buches "Eine Frau in Berlin" attackiert hatten. Man kann das kritisieren, doch in einem Buch über die realen Ereignisse 1944/45 haben solche Erörterungen eher keinen Platz verdient.

Auch weitere Passagen des Buches sind eher Reflektionen über andere Autoren als eigenständige Forschung. Andererseits ist auf jeder Seite die Empathie spürbar, mit der Münch, Jahrgang 1932, auf die Spurensuche nach den so lange verschwiegenen Erfahrungen gegangen ist. Sein Buch befasst sich ausschließlich mit den Vergewaltigungen und mit Fragen, etwa warum Widerstand zwecklos war und was mit den Kindern geschah, die Opfer oder "nur" Zeuge der sexuellen Gewalttaten waren. Das Buch ist als Zusammenfassung und Einführung in das Thema geeignet, auch wenn es wenig wirklich Neues enthält.

Unabhängig davon ist es bedauerlich, dass Münch sein Buch einem fragwürdigen Verlag aus Österreich anvertraut hat. Im Ares-Verlag sind leider auch Bücher erschienen, deren Anliegen mit "Geschichtsrevisionismus" freundlich umschrieben ist. Dem renommierten Autoren Ingo von Münch und seinem Anliegen hätte es mehr genutzt, wenn er auf einen seriöseren Partner gesetzt hätte. Denn sein zentrales Anliegen ist richtig: Aus dem kollektiven Gedächtnis und aus den Gedanken von Männern im Krieg sollte die Vorstellung verschwinden, dass Mädchen und Frauen als "Beute" - also wie eine Sache - behandelt werden können.

Ingo von Münch : "Frau, komm!". Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45. Ares Verlag Graz. 208 Seiten, 19.90 Euro