Theaterkritik

Einmal Brecht, immer Brecht - "Der Kreidekreis" im BE

Was da gewaltig aus den Ärmeln der Soldaten und den Pelzmützen und den Arme-Leute-Gewändern staubt, könnte der Krieg sein. Womöglich auch die Historie überhaupt. Oder sogar der Herr Brecht höchstpersönlich.

Immerhin ist der wieder da. Nachdem er erst vor ein paar Tagen in Friederike Hellers Nummernrevue "Der gute Mensch von Sezuan" kaum mehr benötigt wurde, hatte er am Freitag wieder einen großen Auftritt.

Das gehört sich auch so, in seinem Haus am Schiffbauerdamm, wo Schauspielregisseur Manfred Karge sich mit "Der kaukasische Kreidekreis" an des Meisters Musterstück epischer Theaterkunst machte. Auf derselben Bühne, auf der Brecht persönlich 1954 die deutschsprachige Uraufführung inszenierte, mit Helene Weigel in der Hauptrolle, die ihrerseits Manfred Karge später ans BE holte.

Was nun fängt Karge an mit der Geschichte vom Küchenmädchen Grusche, das in den Wirren einer Revolution ein Kind mitnimmt, weil die Gouverneursgattin sich auf der Flucht mehr um ihre Kleider als ihren Nachwuchs sorgt, und dieses Kind an Mutters statt päppelt und rettet und es nachher nicht mehr hergeben will, als die biologische Mutter ihren Sohn gerichtlich einfordert? Karge ist klug genug zu wissen, dass er gegen die mächtige Theatergeschichte, zumal der des Berliner Ensembles, keine Chance hat. Gegen die Weltgeschichte allerdings auch nicht und die hat ja nun mal einen anderen Fortgang genommen als es das epische Theater vorsah. Also bleibt er halbwegs texttreu, gesteht der Musik Paul Dessaus ihren Part zu, nimmt aber das Didaktische deutlich zurück und füllt großzügig auf mit grotesken Bildern. Ein bisschen sieht das aus wie Rokoko ohne Reifröcke, wie ein Erwachsenenmärchen mit einem Märchenonkel (Norbert Stöß) in Nadelstreifen. Der stellt sich nicht mehr vor als Sänger, sondern als "Künstler aus der Hauptstadt", fasst das Vorspiel um die Landrechte zweier Kolchosdörfer beiläufig zusammen und kommt zwischen hohen, gezackten Wänden, die nach hinten auf ein Portal zulaufen, zügig zur Sache mit dem Kind. Auch in der Binnenhandlung hat Karge die Szenen neu sortiert und die Handlung auf eine lineare Bahn gebracht, an deren Ende die Kreidekreisprobe wartet, bei der die Mütter von zwei Seiten an dem Kind zerren.

Hier stehen Grusche, die von Anna Graenzer mit patenter Frische ausgestattet wird und die Gouverneurswitwe (Marina Senckel) vor dem Richter Azdak, dass er darüber entscheide, wer denn nun die wahre Mutter sei. Doch dieser Azdak sitzt auf seinem Gesetzbuch und zieht die menschliche Gerechtigkeit dem geschriebenen Recht vor. Dieter Montag ist in dieser Rolle sicher der herausragende Darsteller des Abends, mit überroten Bäckchen formt er seine Figur ebenso karikierend wie charakterstark.

Nach knapp drei Stunden Spielzeit waren fast zwei Dutzend Schauspieler auf der Bühne, sah man besoffene Mönche, affektierte Adelige, alles hübsch bunt und volksnah, manchmal fast wie Ohnsorg im Kaukasus, aber am Ende fehlte Karge dann doch die Traute, das Stück konsequenter anzufassen. Es bleibt so ganz ohne Aktualisierung in seiner Moral in diesen Bankenkrisen- und Globalisierungszeiten allzu träumerisch.

Berliner Ensemble , Bertolt-Brecht-Platz 1, wieder am 25.4., 20 Uhr, Tel. 284 08 155.