Fälschung?

Rätselraten um Königin Nofretete

Vor gut 20 Jahren war alles noch ein Scherz. In einem Café in Genf trafen sich zwei Fachleute, und fabulierten über die Idee, gemeinsam ein Buch im Econ-Verlag herauszugeben, das bizarres enthüllen sollte: Die Büste der Nofretete, damals noch im Ägyptischen Museum in Charlottenburg ausgestellt, stamme nicht aus der Pharaonenzeit, sondern sei eine neuzeitliche Fälschung.

Hergestellt zwar in Ägypten, aber von demjenigen, der erklärte, sie gefunden zu haben: von Ludwig Borchardt, im Jahre 1912. Es kamen eine Menge Argumente zusammen.

Gips und Farbe auffällig gut erhalten

Zumindest einer der beiden Herren sah das Ganze als Scherz, wie er heute sagt: Dietrich Wildung, heute Chef des Ägyptischen Museums auf der Museumsinsel und so oberster Wächter jener Büste. Die Nofretete, eine Fälschung? Die Idee ist für ihn abgehakt.

Tatsächlich gab Wildung in der Folge gemeinsame Bücher mit Henri Stierlin, jenem Café-Nachbarn, heraus, allerdings andere.

Stierlin dagegen, Altertumsexperte, renommierter Fotograf in archäologischen Angelegenheiten und Autor vieler populärer Bücher in angesehenen Verlagen, hatte die blumige Idee nicht vergessen. Jetzt erscheint sein Buch - über das er vorher nicht mit Wildung sprach: "Le buste de Néfertiti - une imposture de l'égyptologie?" (Die Büste der Nofretete - ein Betrug der Ägyptologie? Infolio-Verlag, Schweiz). Der Museumsdirektor sagt: "Es überrascht mich, dass die damalige Idee weiter in ihm gebrodelt hat." Allerdings fragt er sich, "ob Stierlin die Sache wirklich ernst nimmt." Forscher sei er nicht, "wenn auch ein pfundiger Typ".

Wildung will die Angelegenheit leicht nehmen, sieht sie als "eine wunderbare Propaganda für unser Fach", aber "eher für die Comic-Spalten." Es geht um das Objekt, das in Berlin fast so oft Schlagzeilen produziert wie der Regierende Bürgermeister, bei jedem Umzug von Museum zu Museum, bei jedem Streit darüber, ob sie Deutschland oder Ägypten gehöre, bei jeder Untersuchung ihres Inneren.

Wenn es nur das einzige Buch wäre, das dieser Tage mit dem brisanten Vorhalt herauskommt, die Nofretete sei eine Fälschung. Erdogan Ercivan, Berliner Autor ebenfalls einer Reihe von Büchern über Geheimnisse, Fragwürdigkeiten, Rätsel der Altertumswissenschaft, legte ebenfalls jetzt sein Buch vor: "Missing Link der Archäologie" (Kopp-Verlag, Rottenburg a. N.). Mehrere triumphale Ikonen der Ausgräber vor gut 100 Jahren zieht er darin in Zweifel, darunter den Schatz des Priamos, und darunter auch manch verwegener Begründungszusammenhang. Am wenigsten gewagt ist da noch das Kapitel über die Nofretete - auch für ihn eine Fälschung.

Die Begründungen, die beide Autoren anführen, gleichen sich dabei auffällig: Demnach habe Borchardt, von der Preußischen Akademie zum wissenschaftlichen Attaché am Generalkonsulat in Kairo ernannt, die Gipsfigur mit den leuchtenden Farben nicht in heimtückischer Täuschungsabsicht hergestellt, sondern sein Artefakt eher aus einer persönlichen Laune (Erdogan) oder als Bildnis einer Königin für die Präsentation einer Halskette (Stierlin) erschaffen. Halb im Scherz nur habe Borchardt seinen "Fund" als echt dargestellt. Sowohl der Schweizer wie der Berliner gehen aufgrund von Protokollen und Briefen davon aus, dass eine dennoch aufgekommene, falsche Begeisterung über die Nofretete als tatsächlicher antiker Fund eine Eigendynamik erfahren habe, aus der Borchardt nicht mehr herausfand. Insbesondere habe der sächsische Herzog Johann Georg, der in Vertretung der Sponsoren zur Inspektion der Grabungen nach Ägypten gereist sei, die Nofretete schnell für echt gehalten und sich mit ihr ablichten lassen. Borchardt, so schreibt Stierlin, habe dann "nicht genug Mut gehabt, den Gast lächerlich zu machen". Dies alles, meint Ercivan, sei Grund dafür, dass Borchardt die Büste nicht gleich ausstellen ließ, sondern erst 1924.

Borchardt, dies führt Ercivan ausführlich aus, arbeitete in Ägypten eng mit Fälschern zusammen. Nicht aus sinisteren Motiven, sondern um moderne Artefakte, die damals zu Hunderten als alt angeboten wurden, entlarven zu können. Dabei mixte und formte er bisweilen auch selbst die Materialien zu scheinbaren Meisterleistungen. Erst kürzlich haben Experten des Ägyptischen Museums eine Stele der Pharaonin Hatschepsut als Fälschung entlarvt, die Borchardt 1912 nach Berlin verkauft hatte. Hatte der sich wieder einen Spaß erlaubt, etwa um die Akzeptanz von Fälschungen zu testen, oder war er in Ägypten Betrügern aufgesessen? "Dass lange Zeit als echt geltende Objekte heute aufgrund verbesserter Methoden und eines erweiterten Vergleichsmaterials sich als Fälschungen herausstellen, kommt in der Archäologie und Kunstgeschichte nicht selten vor", sagte Wildung zur Berliner Morgenpost.

Aber bei der Nofretete?

Aus dem Material des Standbildes, darauf besteht Wildung, habe man keine Spurenelemente moderner Stoffe feststellen können. So perfekt hätte kein Fälscher vor 100 Jahren arbeiten können. Auch sieht der Ägyptologe, anders als Stierlin und Wildung, die Berichte über den Fund im ägyptischen Wüstensand am Nikolaustag 1912 als schlüssig. Eines ist allen Beteiligten klar: Eine zuverlässige Altersbestimmung am Material ist nicht möglich. Die Kohlenstoff-14-Analyse gibt allein bei organischem Stoff Auskunft.

Altersbestimmung schwierig

Diesseits des Streits von Forschern bietet die berühmte Büste auch Stoff für den Laienstreit: Sieht die Nofretete überhaupt aus wie eine afrikanische Pharaonin oder entspricht ihr Gesicht dem Schönheitsideal Mitteleuropas exakt zur Jugenstilzeit? Kann es sein, dass eine Büste aus dem porösen Stoff Gips derart lange im flüchtigen Wüstensand so perfekt erhalten blieb, zumal mit derart leuchtenden Farben im Urzustand? Gips finde man häufig bei Ausgrabungen in Ägypten, hält Wildung dagegen, etwa bei Gesichtsmasken auf Mumien. Auch sei man bei Funden öfters auf volle, satte Farben gestoßen - aber auf Gips, auf einem kompletten Standbild? Das gibt es nicht noch einmal. Bekannt ist, dass im Innern der Gips-Büste eine zweite Büste schlummert, aus Kalkstein, ermittelt per Röntgen und Computertomographie. Beim letzten Computer-Check kam heraus, dass der Künstler unter die Augen noch feine Fältchen in den Gips ritzte. Aber spricht dies für das 14. Jahrhundert vor oder das 20. Jahrhundert nach Christus?

Drahtgeflecht als Beweismaterial

Das Abbild der Pharao-Gemahlin ist sicher das am besten durchleuchtete Standbild. Ercivan klagt, dass er die Aufnahmen nicht zu Gesicht bekommt und ist davon überzeugt, das er bei Vorlage ein stützendes Drahtgeflecht im Gips finden würde - der Beweis für ein modernes Artefakt. Wildung seinerseits klagt über den rüden Ton in Ercivans Anfragen. Mit diesem Kritiker verbindet ihn keine gemeinsame Café-Stunde in Genf.

Der Streit darüber, was genau an jenem 6. Dezember 1912 und an den Tagen danach geschah, ob da Fälschungen versteckt werden sollten, wird überlagert von Geschichten darüber, ob Borchardt die Nofretete in der Versandkiste unter Scherben, Schutt und Schlamm verbarg, um sie an den ägyptischen Wächtern vorbei nach Deutschland expedieren zu können - eine Lesart, die Ägypten heute pflegt, um den Anspruch auf die Büste zu untermauern. War Borchardt ein Schmuggler oder ein Fälscher, beides gar? Oder nichts von beidem, wie Wildung sagt?

Ercivan hält in seinem Buch die Nofretete neben Profilaufnahmen von Borchardts Ehefrau und konstatiert eine "verblüffende Ähnlichkeit". Hat Frau Borchardt Modell gestanden? Wenn es so wäre, zeigte der Attaché allerdings wenig Neigung, seine Gemahlin groß herauszubringen. Der Archäologe Cornelius von Pilgrim, der heute Borchardts Nachlass in Kairo verwaltet, stellt über dessen Korrespondenz fest: "Man liest aus den Briefen nicht, dass Borchardt die Büste der Nofretete als sensationellen Fund empfunden hat und sofort weitergraben wollte."