Staatskapelle

Auf dem Sprung in die Hauptstadt

Keinen Riesen-Skandal. Aber "ziemliche Kontroversen" erwartet Andris Nelsons, der Dirigent der diesjährigen Bayreuther "Lohengrin"-Premiere, für die Inszenierung von Hans Neuenfels (im Juli). Mit dem Berliner Skandal-Urgestein, der gleichfalls in diesem Jahr seinen Bayreuth-Einstand gibt, traf sich der lettische Dirigent an diesem Wochenende.

Heute und morgen gibt Nelsons bei der Staatskapelle sein Konzert-Debüt (mit Haydn, Schnittke und Strauss' "Zarathustra"). Und sieht erstaunlicherweise ausgeruhter und besser aus denn je.

Vorbei die Zeiten, wo man dem blassen, immer freundlichen, aber immer auch etwas unverbindlichen Mann einen Ruck geben und ihm zurufen wollte: "Nun sag doch mal ehrlich!" Der Mega-Hype um junge Dirigenten, der sich an Nelsons in den letzten Jahren fast ebenso schlimm abgearbeitet hat wie an dem (nach Los Angeles abgewanderten) Gustavo Dudamel, hat ihm nicht geschadet. Wäre auch noch schöner. Der Typus des Maestro erfordert in Zeiten, wo die klassische Welt immer kleiner und die Konkurrenz immer größer wird, erbarmungslose Robustheit. "Die Kunst besteht heute nicht darin, von einem Orchester eingeladen zu werden", so Nelsons. "Sondern darin, wieder eingeladen zu werden."

Wirklich ist die Liste der Dirigenten-Untergeher der letzten Jahre lang. (Warum dirigiert Mikko Franck nicht mehr in Berlin? Was macht eigentlich Daniel Harding?) Bei kaum einem war der Kritiker-Überschwang so groß wie bei dem 31-jährigen, heutigen Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra (indirekter Nachfolger von Simon Rattle). Tatsächlich: Der tänzerische Schwung seiner "Feuervogel"-Ballettmusik oder der "Rosenkavalier"-Suite (beim Label Orfeo), also Nelsons Fähigkeit mitzureißen und sich gleichzeitig mitreißen zu lassen, ist bei niemandem aus der jüngeren Generation so wunderbar ausgeprägt wie bei dem langjährigen Schüler von Mariss Jansons (dem man diese Schülerschaft auch ansieht).

Er will Atmosphäre schaffen

"Man darf den Herzschlag der Melodie niemals stoppen", meint Nelsons. "Der für mich wichtigste Schlüsselbegriff ist: Atmosphäre. Sie zu kreieren und aus dem Orchester herauszukitzeln ist die Aufgabe des Dirigenten." Dabei ist Nelsons die Nervosität, bevor er vor ein Orchester tritt, noch immer nicht losgeworden. "Ich bin sehr nervös, und zwar nicht allein vor der ersten, sondern vor jeder Probe."

Der Sohn einer Chordirigentin und eines Konzertmeisters (im Symphonieorchester seiner Heimatstadt Riga) kam zur Musik, weil er ein Teil der Sache sein wollte - nicht aber deren Leiter. "Mein Urerlebnis hatte ich mit fünf Jahren, im 'Tannhäuser' von Wagner. Ich erinnere mich genau, wie beunruhigt ich in Bezug auf den Dirigenten war. Weil ich dachte, dass alles sofort zusammenbricht, wenn er nur eine einzige, falsche Bewegung macht." Also lernte er lieber Klavier, Trompete und Singen. "Ich bin Bariton und habe vor allem Renaissance- und Barock-Musik gerne gesungen. Dann kam das Dirigieren. Zuerst habe ich das Klavierspielen aufgegeben. Dann das Singen. Zuletzt die Trompete. Und schon sitze ich vor Ihnen."

Neuer Dirigenten-Typus

Nach einigen Erfolgen an der Deutschen Oper war Nelsons jahrelang als möglicher GMD an der Bismarckstraße im Gespräch. Letztendlich sagte er dem Haus ab - und zog sich auf eine Opern-Gastdirigentenrolle zurück, die ihn regelmäßig an die Wiener Staatsoper, zum Londoner Covent Garden, an die Met und auch an die Berliner Staatsoper führt. "Meine Frau, die Sopranistin Kristina Opolais und ich überlegen sogar, nach Berlin zu ziehen. Nur unser Terrier zuhause in Riga hält uns davon ab. Die Hunde-Sitterin müsste mit umziehen, und das lehnt sie ab." Es handelt sich, nebenbei gesagt, um die Schwiegermutter.

Nicht wegen seiner berufsuntypischen Freundlichkeit und Unkompliziertheit, sehr wohl aber seines weltumspannend-entspannten Siegeszuges wird Andris Nelsons als Repräsentant eines neuen, demokratischen Dirigenten-Typus gehandelt. Und glaubt selber, dass sich der Dirigier-Beruf grundlegend verändert hat. "Früher musste man als Dirigent Ideen haben. Heute dagegen wollen die Musiker Gründe hören!" In der Tat: Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt hat erzählt, er habe in seiner Zeit als Cellist bei den Wiener Symphonikern (unter Dirigenten wie Hindemith und Karajan) stets gefragt, warum die Musiker etwas genauso spielen sollten, und niemand (außer Erich Kleiber) hätte Gründe angeben können. Immer habe es nur geheißen: "Weil ich es sage!"

Andris Nelsons, der Wunder-Dirigent der Generation 30+, gibt jetzt eines seiner vorerst letzten Gastspiele am Pult der Berliner Staatskapelle. An keiner der Berliner Opern sind weitere Gastspiele in Sicht. Im Juni indes kommt er in die Berliner Waldbühne. Und im Herbst debütiert er bei den Berliner Philharmonikern. "Das Eigentümliche an der Musik ist, dass man niemanden foppen kann", meint er inzwischen selbstbewusst. "Orchester merken, was man kann. Blender fliegen auf."