Krimi

Mörderischer Europa-Trip

Falls diese beiden Kriminalschriftsteller künftig auch optisch wie ein stimmiges Team wirken wollen, müssen sie noch ein bisschen an ihrer Kleidung arbeiten. Zur Vorstellung ihres gemeinsam verfassten Thrillers "Letzter Gruß" im frostigen Stockholm kam der Amerikaner James Patterson in einem kriminell gelben, an greller Scheußlichkeit kaum zu überbietenden Pullover, die Schwedin Liza Marklund dagegen in einer dezenten, mediterran anmutenden Bluse.

Was ihr erstes literarisches Gemeinschaftsprodukt angeht, harmonieren Marklund und Patterson indes erstaunlich gut und stilsicher: "Letzter Gruß", wie das Original "Postcard Killers" in gewitzter Übertragung heißt, mag ein Reißer jenseits jeder Realitätsnähe sein. Gleichwohl erfüllt das Buch alle Anforderungen, die an intelligente und originelle Unterhaltungsliteratur zu stellen sind.

Es geht darin um ein cooles bis emotionsloses Pärchen, das sich effekthascherisch und brutal durch so ziemlich alle europäischen Metropolen mordet. Es geht zudem um den pathologischen Mitteilungsdrang, mit dem diese partners in crime Zeugnis von ihren bizarr inszenierten Taten ablegen, die sich an den ganz großen Werken der Kunstgeschichte orientieren. Vor allem aber geht es um Mord als Spektakel und Kunstform, als stilisiertes ästhetisches Ereignis, als Gegenstand von Musealisierung und medial beflügelter Schaulust.

Es ist dieser Subtext, der Genregesetzmäßigkeiten und Leserreflexe offen legt, die das Buch auf einer zweiten Lektüreebene so unerhört bemerkenswert, ja, überraschend erscheinen lassen: Die beiden Schriftsteller leisten auf diese Weise neben ihrer interkontinentalen Plot-Kooperation, die bewusst zur Überzeichnung tendiert und auch Anleihen beim Pulp-Subgenre nicht wirklich scheut, eine poetologische Anatomie des zeitgenössischen Kriminalromans und seines Publikums.

Zusammenarbeit per Fax und Mail

Es ist der Mann mit dem scheußlichen Pullover gewesen, der die ergiebige Zusammenarbeit angestoßen hat. Auf der Suche nach neuen Impulsen fahndete der rastlose Vielschreiber Patterson mit seinem Literaturagenten nach einem geeigneten "partner in crime investigation". Dabei waren Europäer bevorzugt, annähernde Auflagen-Augenhöhe sowieso. Als die ebenfalls auf erweiterte Horizonte erpichte Marbella-Schwedin in den Blick rückte und ihr Interesse bekundete, hob reger Austausch an. Beide lasen Werke des designierten Koautors - und waren angetan von sich abzeichnenden Synergieeffekten. James Patterson schätzt die "Kühle und Dunkelheit des skandinavischen Krimis", die ihm als "ideale Ergänzung zur Emotionalität von US-Thrillern" erscheint. Liza Marklund wiederum zeigt sich "fasziniert von der suggestiven Sprache und der virtuosen Dramaturgie" in den Büchern ihres amerikanischen Neufreundes.

Fernmündlich und fernschriftlich, via Mail und Fax, wenn auch bedauerlicherweise nie per Postkarte, wurde die geplante Geschichte grob skizziert, deren Ermittler nicht von ungefähr eine schwedische Reporterin namens Dessie Larsson und ein New Yorker Cop namens Jack Kanon sind, der bei öffentlichen Auftritten gewisse Nachlässigkeiten an den Tag legt. Marklund besuchte Patterson zwecks schärferer Konturierung der Charaktere und des Romanaufbaus in Palm Beach/Florida. Der Rest war dialogisches Schreiben - in der jeweiligen Muttersprache. Und naturgemäß einiges an Bastelarbeit, um die zwar stilistisch dankenswert affinen, aber nicht deckungsgleichen Stimmen wie aus einem Guss erscheinen zu lassen.

Nach gut einem halben Jahr konnte dieses literarische Experiment dann als geglückt gelten, das auch kommerziell sehr erfolgreich sein dürfte. Darum sei eine Wiederholung dieser "sehr gelungenen Paarung" nicht auszuschließen, wie die sehr langbeinige Liza und der sehr joviale James bei der sehr professionellen Präsentation ihres sehr doppelbödigen Schockers im sehr schicken Grand Hotel von Stockholm uns unisono versichern.

Ein solides Paar geben sie etwas später auch bei einem Signierstündchen in Schwedens größter Buchhandlung "Akademibokhandeln" ab. Freunde gepflegten Gruselns stehen geduldig lange Schlange vor dem Tisch, auf dem das Hochamt der Autogrammgewährung zelebriert wird. Die Ironie dieses Fan-Rituals besteht im Fall von "Letzter Gruß" freilich darin, dass dessen mörderisches Duo zwar sendungsbewusst genug ist, Postkarten vom jeweiligen Tatort an die Medien zu senden, aber naturgemäß nie auf die Schnapsidee kommen würde, ihre Bekennerschreiben namentlich zu zeichnen.

Ein Flusspferd soll in Serie gehen

Es ist nicht die einzige spannende Kooperation, mit der dieses Krimi-Frühjahr aufwartet: Der Mathematiker Michael Sears und der Lernpsychologe Stanley Trollip, emeritierte südafrikanische Professoren, haben ihre Namen und Faibles für einen gemeinsamen Krimi kontaminiert: Unter dem Pseudonym Michael Stanley schrieben sie den in Botswana spielenden Whodunit "Kubu und der Tote in der Wüste" (Eichborn). Ein unkonventionelles Buch - nicht nur wegen seiner für Europäer exotisch anmutenden Schauplätze, sondern auch wegen seines Ermittlers. Denn dieser David Bengu, genannt Kubu (Nilpferd), beweist im Investigationsclinch mit Honoratioren, wie sehr ihm der von Beharrlichkeit kündende Spitzname gebührt. Es ist schön, dass dieses Flusspferd in Serie gehen soll.

Verheißungsvoll scheint auch ein weiteres literarisches Zusammenspiel: In dem Krimi-Schwedenhappen "Die Wohltäter", der im April bei Hoffmann & Campe erscheint, lassen die beiden ohnehin auf Aufklärung abonnierten Journalisten Nuri Kino und Jenny Nordberg ihren wie Kino türkischstämmigen Protagonisten Ninos die Machenschaften einer Stockholmer Sekte aufdecken, die sich als karitative Organisation tarnt. Ein brisantes Thema, für das Pulitzer-Preisträgerin Nordberg und der Dokumentarfilmer Kino prädestiniert scheinen.

Gemeinschaftsarbeiten garantieren - im Idealfall - eine Mischung aus geteilter, mithin doppelter Freude, aus wechselseitiger Motivation und Qualitätskontrolle. Im Krimi-Segment bürgen dafür gegenwärtig erfolgreiche Autorengespanne wie P. J. Tracy ("Memento"), Chris Marten ("Hydra") und Nicci French ("Seit er tot ist"). Hierzulande haben Volker Klüpfels und Michael Kobrs skurrile Allgäu-Moritaten um den eigenwilligen Kommissar Kluftinger Kultcharakter. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Schreibpartner nun Mutter und Tochter (Tracy), Lehrerin und Ex-Schüler (Marten), Eheleute (French) oder Freunde (Klüpfel/Kobr) sind: Wichtiger ist ihr diebisches Vergnügen an geteilter Leidenschaft für Mord, Totschlag und andere Delikte.