Revue

Amüsiert wie Bolle

Die Zeiten, als Rixdorf zu Beginn des letzten Jahrhunderts lasterhafte Vergnügungsvorstadt Berlins war, hat Evy knapp verpasst.

- Aber jetzt, wo's wieder richtig losgehen soll im schon 1876 erbauten Dorfgasthaus, das inzwischen Saalbau Neukölln heißt, lässt sich die inzwischen hochbetagte Dame die Sause nicht entgehen. Seit Wochen blickt Evy aus Buckow unter ihrem goldglänzenden Kopftuch auf Plakaten in der ganzen Stadt streng durch ihre große Brille als dulde sie keine Widerrede und wolle mit diesem Blick die Berliner aller Bezirke direkt nach Neukölln beordern. Dort nämlich startete an diesem Wochenende unter dem Namen "Heimathafen Neukölln" eines der derzeit bemerkenswertesten Theaterprojekte der Stadt. Zehn mutige Theaterfrauen, die schon seit zwei Jahren an temporären Spielorten im Kiez Kultur betreiben, übernahmen, unterstützt von zwei privaten Mäzenen, zum 1. April den traditionsreichen Saalbau vom Bezirksamt und gaben sogleich ihre Parole aus: "Berlin hat wieder Volkstheater."

Und also stand an diesem Sonnabend zur Eröffnung mit "Filmzauber" eine "Berliner Posse mit Gesang" von 1912 auf dem Programm. Im Foyer schüttelt Evy Hände, drinnen preisen Bauchladenmädchen Brausepulver und Zigarren an, in der ersten Reihe nehmen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker Platz. Dann gehört die Bühne Adalbert Musenfett, eitler Stummfilmproduzent, dessen neuestes Projekt, ein Historienschinken namens "Napoleon und die Müllerstochter" seine ganze Konzentration fordert. Dass er selbst die Rolle des Napoleon übernimmt, versteht sich von selbst, allein bei der Müllerstochter gibt es Probleme, die italienische Kintoppdiva Maria Gesticulata wirft das Handtuch, Fränze Papendieck springt ein, die hat ein Auge auf Musenfett geworfen, ist aber zunächst noch als Junge verkleidet, was Butler Anastasius sehr wohl weiß, nicht aber Sekretärin Wanda, weil die mit ihren Quasi-Verlobten Max beschäftigt ist undsoweiter. 30 000 Mark spielen noch eine Rolle ebenso wie ein sächselnder Reichstagsabgeordneter und ein kleinkrimineller Pole. Klischee, ick hör dir trapsen? Ja, macht aber überhaupt nichts und dass das Revuespektakel mit knapp drei Stunden etwas zu lang geraten ist, Schwamm drüber. Die Details sitzen, die Schlager von Walter Kollo und Willy Bredschneider ("Untern Linden", "Sahnebaiser") überzeugen durch Herzblut statt durch Schmalz und zu den groß- und buntgemusterten Kostümen gesellt sich eine sympathische Portion Selbstironie. Fazit: Amüsiert wie Bolle, lustigen Abend gehabt.

Das ist ja wohl genau das, was man von Volkstheater erwarten darf. Stefanie Aehnelt, Regisseurin des Abends und Mitbegründerin des Heimathafens, fasst den Begriff bewusst weit: "Volkstheater ist alles, was aus der Geschichte der Leute, die hier leben, entsteht." Und das geht deutlich über Gassenhauerrevuen wie "Filmzauber" hinaus. Im Heimathafen darf Rixdorfer Geschichte ebenso anlegen wie der Kiezalltag von heute. Ende Mai zum Beispiel ist Premiere von "Arabboy" nach dem Roman der Sozialarbeiterin Güner Yasemin Balci. Dazu kommen Gastspiele, Tanz- und Musikveranstaltungen, ein Jugendclub ist im Aufbau. Inzwischen ist es längst nach Mitternacht, drinnen im Saal steigt die Premierenparty, die Rock'n Roll Combo "The Baseballs" spielt zum Tanz auf. Dass Evy eine der ersten auf der Tanzfläche ist, verwundert nicht wirklich.

Heimathafen Neukölln im Saalbau Neukölln, Karl-Marx-Straße 141. Tel. 69 51 51 27. Termine: 23. und 24. April; 1. und 2. Mai, 20 Uhr.