Musical

Kann Berlin über Hitler lachen?

Nun also Berlin. Es gab umjubelte Premieren in New York und London, zahlreiche Gastspiele in anderen Städten und eine nicht so wahnsinnig erfolgreiche deutschsprachige Premiere im Wiener Ronacher-Theater.

Dort wurde das Stück vorzeitig abgesetzt. Für die Restzeit wandert die komplette Produktion nun nach Berlin. Dann darf man sich auch hier königlich amüsieren oder herrlich aufregen über eines der wunderbarsten Musicals der letzten Jahrzehnte: "The Producers - Frühling für Hitler".

Hier, in der ehemaligen Reichshauptstadt, hat man sich vor drei Jahren noch nicht einmal getraut, die Neuverfilmung auf der Berlinale zu zeigen. Und für Deutschland hatte sich zwar die Stage Entertainment eine Weile die Rechte an dem Bühnenstück gesichert, war dann aber doch vor einer Aufführung zurückgeschreckt. Auf dem Umweg über Wien steigt nun am 15. Mai endlich die Deutschland-Premiere - im Admiralspalast.

Darstellern war es anfangs mulmig

"Eine sehr gute Wahl", freut sich Johannes Fiala, künstlerischer Produktionsleiter der Vereinigten Bühnen Wien, der in diesen Tagen mit dem Stück von Wien nach Berlin gekommen ist: "Abgesehen vom Geschichtlichen passt es einfach sehr gut, weil es ein 'Bialystok-Theater' ist. Max Bialystok würde 'Frühling für Hitler' in genau so einem Theater machen. Es hat ein bisschen Patina angesetzt. Es ist ein wenig schmuddelig hier und dort."

Und hatte, könnte man naseweis hinzufügen, von 1941 bis 1945 eine Führerloge. Wie passend. Oder gerade nicht. Womit wir genau beim Problem wären. Denn wie erklärt man jemandem, der noch nie von Mel Brooks' Sensationserfolg gehört hat, diesen dreistündigen Wahnsinn? Cornelius Obanya, der für seinen Max Bialystok in Wien glänzende Kritiken bekam, versucht es wie folgt: "Das ist ja das Schöne bei Mel Brooks. Man merkt irgendwann, dass es gar nicht um Nazis und Symbole geht. Es geht um zwei kleine Gauner." Aber eben auch um Nazis und Symbole. Johannes Fiala erinnert sich noch genau an sein erstes Mal "The Producers" in New York: "Natürlich sitzt man als deutschsprachiger Mensch zuerst mit mulmigem Gefühl da. Aber lässt man sich einmal darauf ein, hat man unglaublichen Spaß. Weil es so herrlich persifliert wird."

Also, worum geht es in "The Producers"? In der gebotenen Kürze: Max Bialystok, ein Broadway-Produzent, wird von einem Buchhalter (in Wien und Berlin von Andreas Bieber gespielt) auf die Idee gebracht, dass man mit einem gezielt geplanten Flop mehr Geld verdienen könnte als mit einem Hit. Folglich suchen die beiden nach dem schlechtesten Stück der Welt, finden es in "Frühling für Hitler" und lassen es vom schlechtesten Regisseur der Welt und seiner tuntigen Truppe inszenieren. Was kommt dabei heraus? Ein so herrlich verquastes Stück, dass der Flop misslingt. Die beiden Herren gehen erst pleite, dann wegen Betrugs ins Gefängnis - Happy End. Je nachdem, wie man es sieht.

Österreich fand das nicht komisch

Für die Vereinigten Bühnen Wien war es kein guter Ausgang. Das altehrwürdige Ronacher wurde nach einem aufwendigen Umbau am 30. Juni 2008 mit "The Producers" eröffnet. "Nach den ersten Kritiken hätte man denken können, dass uns das Publikum die Bude einrennt", sagt Andreas Bieber. "Aber das ist nicht passiert." Eine Auslastung von 70 Prozent ist eine Quote, von der manch anderes Theater nur träumt. Aber wenn man sich einen Hit erhofft und dann einen einigermaßen guten Erfolg bekommt, ist man schnell unzufrieden.

Woran lag's, dass die Zuschauer in Wien nicht wie erwartet in die kurzweilige Show kamen? Cornelius Obonya hat folgende Erklärung: "Ich bin Österreicher. Bei uns wurden gewisse Diskussionen, die in Deutschland über Jahrzehnte geführt wurden, nicht geführt. Ganz simpel. Und das merkt man auch im Saal. Ich merke das, wenn Andy Bieber und ich die Hakenkreuz-Binden rausziehen. Es reicht schon der Stahlhelm am Anfang. Da geht ein kleiner Riss durchs Publikum. Man darf nicht vergessen, dass diese Leute bei uns als dritter Nationalrats-Präsident im Parlament sitzen. Bei uns fliegen keine Molotow-Cocktails auf Ausländerheime. Wir hatten kein Hoyerswerda in Österreich. Aber dafür sind sie bei uns schön brav integriert in die Demokratie, die wir so haben."

Nun also Berlin. Wenn Hakenkreuzfahnen entrollt werden oder eine Ballettgruppe das Hakenkreuz tanzt, wird einem auch hier das Lachen im Halse stecken. Vielleicht auch, weil man nicht so genau weiß, ob man darüber lachen darf.

Erkenntnis kommt nach dem Lachen

In Österreich, so Fiala, ist das Zeigen verbotener Zeichen klar geregelt: "Es gibt einen Passus im Verbotsgesetz, dass Kabarett und Theater die verfassungsfeindlichen und -widrigen Symbole verwenden dürfen." Wie sieht das in Deutschland aus? Zwar gibt es hier auch eindeutige Gesetze. Aber in Juristenkreisen ist man sich sicher, dass es bei uns "mindestens einen Moralapostel geben wird, der hofft, durch einen Aufschrei berühmt zu werden".

Sollten Sie jetzt immer noch nicht wissen, ob das Stück politisch korrekt ist: Nein, ist es natürlich nicht. Aber es gibt laut Hauptdarsteller Obonya einen einfachen Grund, warum jede Kritik von vornherein ausscheidet: "Wenn eine so große Komödie auch noch von einem Juden geschrieben ist, dann kann man sich als halbwegs intelligenter Mensch denken, dass da auch was dahinter ist. Und die Leute sollen darauf kommen, dass es neben dem Lachen noch um etwas anderes geht. Ich denke mir, die Menschen in Wien sind einfach zu satt, um sich solche Gedanken noch zu machen. Unsere Hoffnungen ruhen daher auf den Berlinern. Ich denke, in Berlin gibt es ein wenig mehr Aufprallfläche."

So freut sich die gesamte Truppe auf die zwei Monate in Berlin. Denn erst einmal möchte man sehen, ob "Frühling für Hitler" die Massen hier anders begeistert als in Wien.