Festival

Feldforschung in der eigenen Stadt

"Wir müssen unbedingt mal was zusammen machen!" Menschen aus der Filmbranche sagen diesen Satz oft.

Und auch Hajo Schäfer spricht ihn aus, wenn er von seinem Filmfestival erzählt, das in einer Woche startet. "Achtung Berlin" ist so etwas wie die Nabelschau des Berliner Projekteifers. Hier wird zum fünften Mal das vorgestellt, was die lokale Branche aus zahllosen Kooperationen und Kofinanzierungen auf die Leinwand gebracht hat.

Berlin-Sujets sind konjunkturimmun, immer wieder stößt man hier auf Filme über Menschen und ihre Stadterfahrung. "Es gibt ein neues Interesse am Eigenen", erklärt Festivalleiter Schäfer und verweist auf "Zwischen Heute und Morgen", den Eröffnungsfilm von Fred Breinersdorfer. Der hat bisher vor allem als Drehbuchautor gewirkt und nun mit 62 sein Regiedebüt mit Gesine Cukrowski und Peter Lohmeyer inszeniert. Bei den über 80 Beiträgen steht Berlin nicht nur als Schauplatz, sondern auch als kreative Kommandozentrale im Mittelpunkt. Irene Albertis "Tangerine" erzählt den europäisch-islamischen Kulturkontakt in Algerien, die Doku "Deutsche Seelen" von Martin Farkas und Matthias Zuber besucht ein chilenisches Dorf, das 40 Jahre lang von einem pädophilen Sektenführer malträtiert wurde.

Und doch ist da immer wieder die filmische Feldforschung in der eigenen Stadt, wie Dokus namens "24 Stunden Schlesisches Tor" oder "Berlin Marheinekeplatz" aus der Kategorie "HeimatDokumente" illustrieren. Als Schmelztiegel der Zeitgeschichte lässt sich Berlin in diesem Jahr in der "Retrospektive" erleben: Fünf Defa-Dokumentationen aus der unmittelbaren Nachwendezeit bergen hier fast vergessene Stadtbilder. Einem anderen staatlichen Dokumentationsapparat widmet sich Marc Tümmler: Er illustriert mit Aufnahmen des DDR-Fotografen Harald Hauswald dessen Stasi-Akte, in der ein gewisser "Radfahrer" genannt wird - so heißt denn auch diese verstörende Collage.

Um neue Zuschauerschichten zu erschließen, hat das Festival sich selber fortbewegt: Das Programm gibt es nicht mehr nur im Babylon-Kino zu sehen, sondern auch im Passage Kino Neukölln. "Wir bringen die Filme zu den Leuten, die nicht nach Mitte fahren wollen, und abwärts der Weserstraße entwickelt sich schließlich ein neuer Szenebezirk", erklärt Organisator Schäfer. Ein wichtiges Kontaktforum sieht er in der HomeBase Lounge am Potsdamer Platz, wo die Festivalparty und Workshops stattfinden. Vielleicht ergibt sich ja dort die eine oder andere Filmconnection zwischen Mitte und Neukölln.

Das Festival "Achtung Berlin - New Berlin Film Award" in den Kinos Babylon Berlin: Mitte und Passage Neukölln, 15.-22. April. www.achtungberlin.de .