Volksbühne

Großer Auftritt für Sophie Rois

Die Volksbühne hat im Lotto gewonnen! Und wie! Für die Aufpäppelung des "Praters" im Prenzlauer Berg zur "Ersatzspielstätte" hat die Stiftung Deutsche Klassenlotterie erheblich Knete locker gemacht. Und man sieht, wo sie reingesteckt wurde.

- Das Publikum strömt jetzt nicht mehr durch den Hintereingang. Direkt von der Kastanienallee geht es in ein veritables Foyer. Der Zuschauerraum, mit abschüssigem Parterre und Sperrsitz, gleicht einem improvisierten Sommertheater. Nummerierte Reihen! Vorne gibt es Rückenlehnen! Und wer Glück hat, erwischt ein mit Rosenröschen gesprenkeltes Polsterkissen.

Die Gnädige als Liebling des Publikums

Text und Regie der Eröffnungspremiere liefert Prater-Untermieter René Pollesch. Uraufführung! Zumindest der Titel von "Ein Chor irrt sich gewaltig" bezieht sich auf die Filmkomödie "Ein Elefant irrt sich gewaltig", von dem Gene Wilder das Remake "The Woman in Red" gedreht hat. Natürlich ist kein Stück im traditionellen Sinn herausgekommen. Vier Schauspieler treten auf. Weder sind sie auf einzelne Rollen noch auf ein bestimmtes Geschlecht festgelegt. Der Mann im Morgenmantel wird glatt als "Mama" im Pelz angesprochen oder als Engländer, obwohl sein "bescheuerter" Akzent ihn klar als Franzosen ausweist. Die drei Damen tragen Kleider im Rokokoschnitt aus groß gemusterten Dekostoffen.

Als weiterer Solodarsteller (sic!) tritt ein Frauenchor in Erscheinung. Der fühlt sich etwa als 17-jähriger Jüngling zum Busen einer reiferen Madame hingezogen. Diese kann für sich stolz reklamieren: "Denk doch nicht, du bist der einzige Chor in meinem Leben!" Die resolute Person schmerzt am Abgang ihres Lebenspartners mehr der Verlust der Möbel als ihrer Kinder. Natürlich wird die Gnädige von niemand Anderem als von Sophie Rois verkörpert. Sie ist der Liebling des Regisseurs und des Publikums.

Vielleicht hat Pollesch ja etwas viel Dietmar Dath und Boris Groys gelesen. Aber das dort verdaute kapitalismuskritische Material wird zur Schwemmmasse zwischen durchgeknallten und quasselnden Lustspielgestalten. Wir erhalten Einsichten in die Relationen von Sex und Kapital oder den Zusammenhang von Croissants und einer Sprinkleranlage. Das Ergebnis ist ein verrückter Nonsens-Schwank. Er dauert eine gute Stunde und passt perfekt in den renoviert morbiden Schuppen.

Mag das Chor-Individuum fragen, ob sie für ein "bedingungsloses Grundeinkommen" sei, Sophie Rois antwortet ungerührt: "Ich bin Sozialistin, mir tut niemand leid." Und wenn die aufgedrehte Darstellerin mal im Textsalat aus dem Tritt kommt, wendet sie sich an die Souffleuse: "Frag mal Tante Katie!" Die anderen Spieler (Jean Chaize, Brigitte Cuvelier, Christine Groß) stehen nicht etwa in Rois' Schatten, sondern eher in ihrer Sonne.

Leiht die große Sophie schon ihre bekannt reibeisigen Lippen unter anderem der Traviata, sind auch die übrigen Solisten samt Chor nicht mundfaul beim Playback solcher Pretiosen wie "Et maintenant" oder "Capri, c'est fini". Offenbar in letzter Minute hat Pollesch der Farce einen neuen Schluss verpasst. Hier, in einer wippend hüpfenden Revue-Veralberung, übertrifft die Rois sich noch einmal selber. Gilbert Bécaud verhilft ihr per Originalton zu einem Gruß ans alte Moskau.

Volksbühne im Prater, Kastanienallee 7-9, Prenzlauer Berg. Tel. 24 065 777. Nächste Termine: 4., 7., 17., 30. April.

Ein Chor irrt sich gewaltig ++++-