Zum 70. Geburtstag

Schlöndorffs Blick auf Deutschland

Es war der Herbst 1956, als Briten und Franzosen den Suezkanal stürmten und Russen den Ungarn-Aufstand niederschlugen. Da kam ein 17-jähriger Deutscher in dem Ort an, wo er sein Abitur machen sollte, in Vannes in der Bretagne.

- Dies war der Wunsch des jungen Volker gewesen, der sich nicht wohlfühlte in Adenauers Nachkriegsdeutschland mit seinem starren Blick aufs Wirtschaftswunder, und er hatte sich gegen den Vater durchgesetzt.

In dem Jesuiten-Internat, berichtet Volker Schlöndorff fünf Jahrzehnte später in "Licht, Schatten und Bewegung", seiner lesenswerten Autobiografie, habe er in politischen Debatten zu argumentieren begonnen, "als sei ich ein kleiner Franzose. Die anderen aber wollten wissen, was ich, als Deutscher' denke. Je mehr ich versuchte, mich zu assimilieren, umso mehr musste ich mich mit meiner deutschen Herkunft auseinandersetzen."

Von den vier Großen des Jungen Deutschen Films - Fassbinder, Wenders, Herzog, Schlöndorff, die alle in Trümmerhaufen hineingeboren wurden - hat nur Rainer Werner Fassbinder nie die Sehnsucht ausgelebt, seiner deutschen Haut zu entschlüpfen. Werner Herzogs Debüt "Lebenszeichen" spielt auf Kreta, und seine folgenden Filmexpeditionen führten ihn nach Ostafrika, Südamerika, Australien, Indien, die USA, die Antarktis. Wim Wenders hat immer Amerikaner werden und dort Filme drehen wollen. Volker Schlöndorff ging vom Atlantik zum Studieren nach Paris und saß dort mit einem Jungen in derselben Bank, der Bertrand Tavernier hieß und den Kommilitonen in seine großbürgerliche Familie einführte und später bei Louis Malle und Jean-Pierre Melville.

Deutsche Identität - Schlöndorffs Thema

Fassbinder starb vor fast 30 Jahren in München, von wo er eigentlich nie weg wollte. Herzog lebt heute in Los Angeles und dreht mit Hollywood-Stars (Nicolas Cage, Eva Mendes, Willem Dafoe), wie der Wim das anstrebte. Wenders, von seinem amerikanischen Traum geheilt, ist nach Berlin-Mitte gezogen und geht mit einem Deutschlandfilm-Projekt schwanger. Schlöndorff wiederum lebt in seinem backsteinroten Haus in Potsdam-Babelsberg, am Rande der alten Ufa-Stadt.

Unter den Großen Vier war Volker Schlöndorff der erste, der begann, sich eine deutsche Identität zu zimmern. Das nationale Erbe - obrigkeitshörig, braungefärbt, restaurativ müffelnd - hatte er für sich abgelehnt, aber der Erblast stellte er sich mit großer Kampfeslust. Sein erster Film "Der junge Törless" war eine Musil-Verfilmung, eine Internatsgeschichte von der Jahrhundertwende, aber sie handelte davon, wie man Autoritätsgläubigkeit einbläut, wie Minderheiten - ein jüdischer Mitschüler - gequält werden und wie man sich in der Unschuld des Mitwissers einrichtet. Mit der Aneignung deutscher Geschichte und Gegenwart steht Schlöndorff unter den Großen Vier ziemlich allein da.

Momentaufnahme Ende 1973: In der Bundesrepublik wird mit der GSG 9 die erste schnelle Eingreiftruppe zur Abwehr von Terroristen gegründet, im Zuge der Ölkrise das Sonntagsfahrverbot erlassen. Rainer Werner Fassbinder arbeitet an "Effi Briest", worin seine Wut auf die Gesellschaft einem geduldigen Beobachten gewichen ist. Wim Wenders befindet sich auf dem Absprung in sein Traumland. Schlöndorff beginnt damals mit Heinrich Böll zu arbeiten, dem Gesellschaftskritiker. Über den Kommunarden Fritz Teufel hatte Schlöndorff Anfang der Siebzigerjahre Zugang zur "Roten Hilfe" (RH) gefunden, einer Solidaritätsorganisation, die "politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum" unterstützt. Dazu zählte die RH das Baader/Meinhof-Umfeld, und so besuchte das Ehepaar Schlöndorff und Margarethe von Trotta regelmäßig Gefangene, "politische" und "unpolitische", von Holger Meins bis Klaus Croissant. Böll wusste, wem er das noch unveröffentlichte Manuskript von "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" schickte - und der Film wurde zum ersten großen Publikumserfolg des Neuen Deutschen Kinos.

Aussöhnung mit Deutschland

Außer Alexander Kluge war Schlöndorff der einzige Regisseur, der bei allen drei politischen Episodenfilmen - nach "Deutschland im Herbst" noch "Krieg und Frieden" (zur Nachrüstung) und "Der Kandidat" (über den Kanzlerkandidaten Franz-Josef Strauß) mitmachte. Die CSU erteilte ihm Drehverbot, und als er FJS' Aschermittwochrede mit versteckter Kamera trotzdem aufnehmen wollte, beförderte ihn Stoiber aus der Nibelungenhalle.

Dieser Tage, kurz vor seinem 70. Geburtstag, veranstaltete die CDU eine Hommage an Schlöndorff in der Adenauer-Stiftung. Das würdigt auch seine Aussöhnung mit dem "offiziellen Deutschland". Die Versöhnung war erst nach dem Mauerfall möglich - und durch eine quasi staatspolitische Aufgabe. Die Treuhandanstalt fragte an, ob Schlöndorff die DDR-staatlichen Filmstudios in Babelsberg übernehmen wolle. Sechs Jahre diente er auf der Galeere, konnte keinen einzigen eigenen Film drehen - aber wenn in Babelsberg heute Cruise und Tarantino ein- und ausgehen, hat er die Grundlagen gelegt.