Der Wochenend-Tipp

Der Charme eines Viertels im Wandel

Auf der Promenade am Paul-Lincke-Ufer blinzeln Jogger und Liebespaare beim Döner-Picknick glücklich in die Sonne. Die Blattknospen der Weiden schimmern grün. Arbeiter bessern das Häuschen der Reederei Riedel an der Kottbusser Brücke aus: Die Schiffsanlegestelle soll zum Saisonbeginn tipptopp sein.

Die MS Spree-Athen schaukelt bereits auf den Wellen des Landwehrkanals. Unser Spaziergang am Wasser pendelt zwischen Kreuzberg und Neukölln. Ein kleiner Schlenker führt uns durch den Reuterkiez - wo in jüngster Zeit ein Fantasiename die Runde macht. Da ist von "Kreuzkölln" die Rede.

Doch zunächst geht es an Cafés und hübschen Gründerzeithäusern am Kreuzberger Nordufer entlang - bis dahin, wo sich der Neuköllner Schifffahrtskanal mit dem Landwehrkanal vereint. Wer auf der Ratiborstraße kurz vor der Graffiti besprühten Wagenburg - mit 19 Jahren angeblich die älteste Wohnwagen-Siedlung Berlins - nach rechts abbiegt, genießt nach wenigen Metern einen schönen Ausblick auf den Zusammenfluss der Wasserstränge und auf die Lohmühlenbrücke. "Burg am See" heißt hier der türkische Biergarten, wo ein Baugerät gerade eine hölzerne Spielburg für Kinder in den Sand setzt. Die 1920 fertiggestellte und mit Ornamenten geschmückte Lohmühlenbrücke verbindet das Maybachufer in Neukölln mit der Lohmühlenstraße in Treptow. Gleich drei Bezirke kommen hier zusammen. Seit dem Mauerfall ist die Brücke wieder durchgängig passierbar.

Lohmühlen zum Zermahlen von Baumrinde

Ihr Name geht auf die ehemals in der Nähe liegenden Lohmühlen aus dem 18. Jahrhundert zurück. Dort wurde Baumrinde ("Lohe") zu Borkenmehl verarbeitet, das zum Gerben von Leder gebraucht wurde. Die Brücke diente auch als Kulisse in einer Szene des Wim-Wenders-Films "Der Himmel über Berlin".

Wir kehren nun um und passieren linker Hand die Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Thielenbrücke über den Kanal. Nun sind wir auf der Pannierstraße in Neukölln - am Rande von "Kreuzkölln". Hinter den Häuserfassaden auf der linken Seite der Straße liegt die Rütli-Schule, wo in jüngster Zeit nicht Gewalt, sondern Engagement für positive Schlagzeilen gesorgt hat: Sie befindet sich im Verbund mit benachbarten Schulen auf dem Weg zum "Campus Rütli", der die Bildungschancen der Kiezkinder verbessern will. Wir biegen nun rechts in die Framstraße, danach links in die Nansenstraße, bis wir uns zwischen zwei Kirchen befinden. Eng in die Häuserfront passt sich die evangelische Nikodemus-Kirche an der Nansenstraße 12-13 ein - mit dem charakteristischen gelb-weißen Turm und dem einladenden "Café NikoDemus". Links, an der Nansenstr. 4-7, mutet die katholische St.-Christophorus-Kirche in rotem Backstein wie eine Trutzburg an. Beide Gemeinden verstehen sich als Anker im sozialen Brennpunkt. Denn "Kreuzkölln" ist ein Problemgebiet.

Aufbruch lockt junge Kreative

Rund 20 000 Menschen aus 26 Nationen wohnen zwischen Kottbusser Damm und Pannierstraße, der Ausländeranteil liegt bei 30,5, die Arbeitslosenquote bei über 35 Prozent. Doch lockt der Kiez seit geraumer Zeit junge Kreative, Modedesigner, Galeristen und Kneipiers in die preiswerten, leer stehenden Läden. Und nicht nur Studenten ziehen gern in die Wohnungen, die so nah am Kanal liegen. Stadtväter und Immobilienmakler wittern eine "Aufwertung" des Quartiers, doch Alteingesessene befürchten, dass ihr Reuterkiez zum "Trendbezirk" mit steigenden Mieten und Verdrängung der weniger Betuchten werden könnte.

Wir überqueren nun den Reuterplatz gegenüber der Christophorus-Kirche - nicht ohne einen Blick auf die imposante Brunnenanlage vor der grünen Pergola für den plattdeutschen Schriftsteller Fritz Reuter (1810-1874) geworfen zu haben. Die Brunnenfiguren stellen zwei Gestalten aus seinem Werk dar. Über Reuter- und Weserstraße biegen wir rechts in die Friedelstraße ein. Es lohnt sich, in die kleinen Läden zu schauen. Wer dienstags oder freitags unterwegs ist, taucht danach am Maybachufer ins Gewusel des Türkenmarktes ein. Ein Schild mit der Silhouette eines Kamels weist auf das Flair des Marktes hin. Schon der Duft fremder Gewürze und die Rufe der Verkäufer verheißen ein orientalisches Erlebnis. Obst, Gemüse, türkische Vorspeisen und Süßwaren, Stoffe und Haushaltswaren werden hier verkauft. Doch dann sind wir schon wieder am Ausgangspunkt unseres Spaziergangs. Wer noch Energie hat weiterzulaufen, verlängert ihn über Fraenkel- und Planufer bis zum Urbanhafen.