Kino "Toni" in Weißensee

Berlinale auf Tournee durch die Bezirke

Es ist nur ein kleiner roter Teppich, dort vor dem Kino Toni am Antonplatz. Aber der verheißt Berlinale. Anna-Maria (12) ist da, und Maria (13), in der Schauspiel-AG haben beide zuletzt Katzen gegeben. Jetzt warten sie auf die großen Schauspieler. Alle anderen hier auch.

"Berlinale goes Kiez", die neue Reihe - und Weißensee goes Berlinale. Die 275 Plätze (101 auf dem Rang) sind für den Film "Renn, wenn du kannst" schon lange ausverkauft. Popcorn, nach dem das winzige Foyer duftet, läuft heute nicht so gut wie sonst. Kaffee wollen heute alle.

Irmgard Bunge (71) kennt das Toni seit 45 Jahren, trifft sich mit ihrer Enkelin Mandy (29) vor der Tür: "Die kennt das Kino so lange, wie sie ihre Oma kennt." Irene und Klaus Baumert sind da, der 63-Jährige hat mit seiner Elektrofirma selbst 1996 am Ausbau mitgearbeitet. Klein ist das Kino, sagen sie, aber so schön und gemütlich. Michael Verhoeven und Senta Berger sind auch da. 1992 hatte der Regisseur das kleine Kino gekauft. Die Herzen der Filmfans hier gab es als Dreingabe, jeder erzählt von dem Glück, dass Herr Verhoeven kam und nicht ein weiterer Supermarkt einzog.

Zum Spätfilm um 21.30 Uhr, "Die Frau und der Fremde" (Defa), hat Verhoeven den Regisseur Rainer Simon eingeladen. Mit ihm, erzählt er, wollte er einmal einen Film über den deutschen Herbst machen, weit vor den anderen RAF-Filmen - aber damals war es zu früh, kein TV-Sender wollte die Idee. Verhoeven, heute 71 Jahre alt, ist der Regisseur, der mit seinem Film gegen den Vietnam-Krieg ("o.k.", mit Eva Mattes) 1970 fast die Berlinale gesprengt hätte. Ein echter Skandal.

Weit weg ist das, hier im Toni - dies ist der Platz, an den die Weißen-Seher gehen, wenn alles gut enden soll nach 120 Minuten (bei Überlänge 50 Cent Zuschlag). Denn wenn man will, ist das Toni das älteste Kino Berlins. Erbaut als "Wohnhaus mit Lichtspieltheater", 1919 eröffnet und im Gegensatz zu anderen nie zwischendurch zum Tanzsaal umfunktioniert. 1945 im Winter wurde das kleine Kino geplündert, geschlossen. Wieder eröffnet 1948. 1979 wieder geschlossen, von der Staatlichen Bauaufsicht. 1982 wieder eröffnet, zehn Jahre später kaufte Verhoeven das Haus.

Manuela Miethe, Managerin des Popcorns und der Kino-Sessel, wurde übernommen. Ihre Kino-Geschichten sind pragmatischer. Auf dem Rang haben sie einmal versucht, höhere Preise einzuführen: aber da war "weniger Beinfreiheit", und bei jedem Film wollten Zuschauer in den Saal wechseln, sie hatten ja mehr bezahlt.

Was soll Frau Miethe noch sagen, zu ihrem Kino? "Dass noch mehr Leute kommen, auch aus anderen Kiezen, das wäre toll." Und: Das Toni war schon einmal Teil der Berlinale, 1991, da liefen hier Kinderfilme. Kein roter Teppich, zugegeben, aber ganz aus der Welt ist man auch nicht.

Helga (82) und Wolfgang Wolf (80) sind zum zweiten Mal hier. Sie stammen aus Prenzlauer Berg, haben zehn Jahre im Ausland gewohnt, aber vom Toni wussten sie immer. Jetzt wohnen sie in Weißensee, Helga Wolf hat einen Platz in einer Blinden-Wohnanlage gefunden - und betont: "Ich bin aber nur zu 99,02 Prozent blind." Und Filme sieht man mit dem Herzen. Rainer Hässelbarth (67) ist Filmfan, weil seine Eltern vor den Bomben auf Berlin im Zweiten Weltkrieg nach Weißenfels flohen. Dort hatte die Tante ein Kino. Sein erster Film war "Die Mörder sind unter uns". Kein Kind ohne Kino-Tante hätte den sehen dürfen: "Ich hatte danach nächtelang Albträume."

Und kam dennoch einfach nicht mehr los vom Film, auch zurück in Berlin nicht. Radeln in die Westkinos, bis 1961, 25 Pfennig West oder umgerechnet eine Ost-Mark pro Film, wenn möglich, drei hintereinander weg sehen. Er ist heute Vorsitzender des Toni-Unterstützervereins. Und damit auch ein bisschen Berlinale-Gastgeber.

Hässelbarth über "Berlinale goes Kiez": "Fantastisch. Ich kann nur sagen - Hut ab, Herr Kosslick!"

"Was wäre die Berlinale ohne ihr großartiges Publikum?" (Aus einer Berlinale-Pressemitteilung Dezember 2009)