Interview mit Corinne Bailey Rae

"Am Meer ist es wie am Ende der Welt"

Eigentlich gibt es eine klare Regel für das Gespräch mit Corinne Bailey Rae: Keine Fragen zum Tod ihres Mannes, denn ansonsten wird das Interview sofort abgebrochen. Aber die frühere Frontfrau der Indierockband Helen, die mit ihrem 2006 veröffentlichten Debüt "Corinne Bailey Rae" sowie der Popsoul-Single "Put your Records on" für viel Aufsehen und vier Millionen verkaufte Tonträger sorgte, kann gar nicht anders, als über ihre Gefühle zu reden.

Steffen Rüth sprach mit der Sängerin über ihr zweites Album "The Sea", einer Art Trauermusik.

Berliner Morgenpost: Fiel Ihnen das Schreiben der Stücke schwer?

Corinne Bailey Rae: Nein, ich habe mir so viel Zeit genommen, wie ich brauchte, und ich habe praktisch alles komplett alleine erarbeitet. "The Sea" musste eine extrem persönliche Platte werden, anders ging es gar nicht.

Berliner Morgenpost: War das auch die Grundidee für "The Sea"?

Corinne Bailey Rae: Gewissermaßen schon. Ich wollte ein Album aufnehmen, das schwerer, kontrastreicher und dramatischer ist als mein Debüt. Dieses Ziel hatte ich bereits vor dem großen Einschnitt in meinem Leben. Ich wollte, dass meine Lieder dunkler werden und zugleich selbstbewusster klingen. Ich finde es aber auch gut, dass nicht alle der Lieder um das Thema Trauer kreisen.

Berliner Morgenpost: Der Titelsong handelt von Ihrem Großvater, der bei einem Bootsunfall ertrunken ist.

Corinne Bailey Rae: Das stimmt, ja. Mit dieser Geschichte bin ich als Kind aufgewachsen. Meine Tante hat sie immer erzählt. Meine Mutter und ihre Schwestern haben den Unfall mit eigenen Augen gesehen, das habe ich lange gar nicht gewusst.

Berliner Morgenpost: Sind Sie gerne am Meer?

Corinne Bailey Rae: Aber ja. Ich bin irgendwo eindeutig ein Wasserwesen, das liegt mir im Blut. Mein Vater stammt aus der Karibik, von der Insel St. Kitts. Auch wenn ich noch nie dort war, fühlen sich meine Gene zum Wasser hingezogen. Am Meer zu sein, das fühlt sich immer so an, als säße man am Ende der Welt.

Berliner Morgenpost: Das Album beginnt mit "Are you here". Sie singen in dem Liebeslied über einen Menschen, der nicht mehr da ist, aber nach dem Sie sich sehr sehnen. Jeder wird wissen, wer gemeint ist.

Corinne Bailey Rae: Natürlich. "Are you here" ist meinem Ehemann gewidmet. Das war eines der ersten Lieder, das ich nach seinem Tod geschrieben habe. Ich fand es wichtig, "Are you here" an den Anfang zu setzen. Ich wollte meine Geschichte nicht verstecken. Das Statement des Songs ist ja sehr klar und eindeutig.

Berliner Morgenpost: Hatten Sie eigentlich nie Angst, dass Ihnen irgendwann keine Songs mehr einfallen würden?

Corinne Bailey Rae: Als ich 17 war und in meiner früheren Band Helen noch Punkrock sang, da hat mich diese Sorge stets begleitet. Als ich dieses Album schrieb, kam zu keinem Zeitpunkt Versagensangst auf. Ich spürte, dass schon 2007, nach der Tour, die neuen Songs nur so aus mir heraus sprudelten. Dann kam selbstverständlich eine Phase, in der ich überhaupt nicht kreativ war, nicht kreativ sein konnte und wollte.

Berliner Morgenpost: Nun werden Sie wieder auf Tour gehen. Fühlen Sie sich bereit für das Leben als Popstar?

Corinne Bailey Rae: So sehe ich mich nicht. Ich teile meine Lieder wirklich gern mit den Menschen, aber am Ende eines Konzerts gehe ich nach Hause, und auch das Publikum geht nach Hause. Es wäre unschön für mich, permanent ein Teil im Leben der Menschen zu sein. Ich brauche meine Freiheit. Ich möchte nicht, dass jeder alles über mich weiß.

Berliner Morgenpost: Das neue Album von Sade kam fast zeitgleich mit "The Sea" auf den Markt. Sade beherrscht diese Verschwindetechnik perfekt. Man sieht und hört zehn Jahre nichts von ihr, und plötzlich ist sie wieder da.

Corinne Bailey Rae: Sade macht es absolut richtig. Erykah Badu ist ein anderes Beispiel. Ich liebe ihre Musik, aber ich weiß nicht, mit wem sie zusammen ist. Oder wie ihre Kinder aussehen. Ist mir auch total gleichgültig. Genauso Björk. Ich will nicht wissen, wie diese Menschen sind oder welche Farbe ihr BH hat. Sondern mich interessiert und begeistert, was sie musikalisch zu sagen haben.