Pat Metheny

Jazz ist gut, Kontrolle ist besser

Mit der Gitarre lässt sich nun auch die Garage öffnen und die Heizung regeln. Pat Metheny hat sich Apparate bauen lassen wie die Flaschenorgel, wo die Töne mittels Staubsaugermotoren geblasen werden. Strahlend steht der Gitarrist dann in der Studiohalle auf dem Perserteppich wie ein Zwerg im Bergwerk.

Die Gitarre ist an den Computer angeschlossen. Der Computer steuert die Gerätschaften und Instrumente. Pat Metheny schlägt die Saite an, und in der Ecke regt sich eine Taste des Klaviers. Er spielt einen Akkord, und die Hydraulik lässt das Schlagzeug poltern. Wie von Geisterhand, sagt man in solchen Fällen gern. Man spricht auch gern von Fortschritt, wenn das iPhone einem heute beim Gitarrestimmen hilft.

"Orchestrion" heißt Pat Methenys neues Album. Damit knüpft der überzeugte Virtuose an die Tradition der musizierenden Automaten an. Orchestrions standen bereits im Biedermeier in gehobenen Gaststätten. Waren Anfangs noch Bedienstete zum Kurbeln nötig, liefen die mechanischen Orchester in der Blütezeit mit Dampf und Strom. Die eingebauten Instrumente wurden über Lochkarten gesteuert.

Das Pianola in Großvaters Keller

Jetzt heißt die Platte so, mit der sich Pat Metheny neu erfinden möchte. Mit Begeisterung berichtet er vom Pianola, das im Keller seines Großvaters in Manitowoc stand. Die Ferien in Wisconsin waren für den Jungen aus Missouri Bildungsreisen. Anstatt stumpfsinnig auf der Gitarre Tonleitern und Spreizgriffe zu üben, stieg er in den Keller, wo er Löcher in Papier stanzte, das Pianola damit fütterte und pumpte, um es anzutreiben. Offenbar hat selbst der Jazz, dem er sich später zuwandte, die Liebe zur Maschine nie erkalten lassen. Seit den Achtzigern verwendet er das Synclavier. Das digitale Zeitalter begrüßte er, indem er sich einen Gitarrensynthesizer kaufte. Zum Entsetzen zahlloser Kollegen. Wer als Gitarrist im Jazz zu Hause ist, legt Wert auf Fingerfertigkeit, den unverwechselbaren Ausdruck und die Gabe, aus dem Nichts ein Solo zu erschaffen, das die Welt noch nicht gehört hat. All das traut man keinesfalls Maschinen zu und Midi-Schnittstellen, wo jede analoge und organische Musik zu Nullen und Einsen wird.

Dass dabei immer noch der Mensch die Schnittstelle zwischen Maschine und Musik bleibt, hat kein Gitarrist im Jazz so einleuchtend gezeigt wie Pat Metheny. Er hat herzergreifende Standards produziert wie "Are You Going With Me". Er hat Bravourstücke gespielt. Er hat bewiesen, dass er auch ganz anders kann, dem Irrsinn nahe wie auf "Zero Tolerance For Silence". Er hat David Bowie ebenso gedient wie Ornette Coleman. Er hat es zum Popstar seiner Zunft gebracht. Ein mittlerweile 55-jähriger, den jeder, der für Jazzgitarren etwas übrig hat, am Ton erkennt, am explodierten Schopf und am Matrosenhemd. "Knöpfe und Kabel sind für mich dasselbe wie für Andere Bogen oder Mundstück", sagt er.

"Orchestrionics" nennt er nun die Konsequenzen. Ein Orchestrion mit digitaler Zwischenstufe. Was aus der Gitarre kommt, wird in Signale umgewandelt, die magnetische oder pneumatische Prozesse auslösen, um herkömmlichen Instrumenten Klänge zu entlocken. Dafür wurde ein Robotertüftler der New Yorker Universität beschäftigt und Animationsexperten aus der Wüste Kaliforniens. Bandkollegen waren ebenfalls beteiligt: Gary Burton hat ein Vibraphon gespendet und Jack DeJohnette ein Schlagzeug. 60 Instrumente stehen Pat Metheny zur Verfügung. Ihm allein. Er hat die Improvisationshoheit.

Klingt visionär. Wie aber klingt "Orchestrion", die fünfteilige Suite? Gemessen am Programm, am Aufwand und am Überbau klingen die Aufnahmen zutiefst reaktionär. "Orchestrion" klingt wie die Pat Metheny Group. Der Leiter sagt: "Natürlich hätte ich auch Musiker anheuern können. Aber ich wollte das Neue wagen. Das war immer schon die Aufgabe des Jazz." Für Pianolas hat bereits Igor Strawinsky komponiert; George Antheils "Ballet mécanique" ist über 80 Jahre alt; Conlon Nancarrow hat fast ausschließlich für Automaten Notenblätter perforiert. Dass Gitarristen mittels Midi ganze Sinfonieorchester simulieren, ist schon länger üblich. Neu ist, dass die alten Instrumente wieder als das kenntlich werden, was sie sind: mechanisch aufwendige Handwerkszeuge. Die Basis der Musik, sagt Pat Metheny, sei es, Moleküle zu bewegen. Damit hat er völlig Recht. Aber was sagt uns das?

Mit neun Technikern auf Tournee

Für einen Gitarristen wird Metheny ungewöhnlich tiefgründig gegrübelt haben über Fragen wie: Wo hört das Unbelebte auf, wo fängt das Leben an? Wann werden Klänge künstlich, und wann sind sie echt? Was hat der Jazz gegen Computer-Algorithmen? Auf der Platte aber hört man davon nichts. Man hört, wie Pat Metheny Pat Metheny spielt mit überraschenden Mitteln, so wie Walter Carlos 1968 auf dem Synthesizer keine revolutionären Stücke spielte, sondern Bach. Man hört die Angst des Künstlers, des Genies und Autors, vor seinem Verschwinden. Jede Jazzband feiert eine demokratische Gesellschaft freier Individuen. Eine retrofuturistische Version der Jazzband ist der Tagtraum jedes musizierenden Diktators, der seine Musik für unanfechtbar hält.

So wird er ohne Musikanten aber mit neun Technikern eine Konzertreise mit dem "Orchestrion" bestreiten, und die alten Stücke werden dabei wie die neuen klingen und die neuen wie die alten. "Endlich wird es auf Tournee keinen Streit um die Hotelzimmer mehr geben", seufzt Pat Metheny. Bleibt zu hoffen, dass sich die Maschinen auflehnen gegen den Menschen und Module ihm den Dienst verweigert. Dann hätten die Automaten wieder etwas von der Würde, die sie hatten, als ihre Motoren noch vernehmlich auf dem Jahrmarkt ächzten. Weil der Mensch plötzlich Musik für etwas hielt, das jedem zustand. Und auch Pat Metheny sagt, die Automaten hätten ihn beinahe verstehen lassen, was Musik sei, ihre DNA und ihre Seele. Nur vertonen müsste er die Lehren noch.

Pat Metheny: Orchestrion (Warner)

Das Konzert Am 2. März tritt Pat Metheny mit seinen Maschinen in der Philharmonie auf.