Neuer Vorwurf

"Sie kopierte Teile unseres Films"

Offenbar bediente sich die junge Autorin Helene Hegemann nicht bloß für ihr kürzlich erschienenes Buch "Axolotl Roadkill" bei Quellen, die sie nicht nannte.

Nach den Vorwürfen, sie habe sich von Autoren wie Kathy Acker, Malcolm Lowry oder Rainald Goetz in spirieren lassen und aus dem Roman "Strobo" des Autors Airen abgekupfert, meldete sich gestern bei der "Berliner Morgenpost" ein Filmstudent zu Wort: Hegemann habe auch für eine Kurzgeschichte aus seinem Kurzfilm "Try a little tenderness" abgeschrieben.

Benjamin Teske heißt der junge Filmemacher, er ist 26 Jahre alt und an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin eingeschrieben, wo er Audiovisuelle Medien studiert. "Gestern stieß ich zufällig in einem Leserkommentar auf meinen Namen und den Link auf das Vice Magazin", erzählt er uns. Der Link führt zu der Kurzgeschichte "Die Spiegelung meines Gesichts in der Erschaffung der Welt", als Autorin ist dort Helene Hegemann genannt.

Sätze und Formulierungen identisch

Es geht in beidem, kurz gesagt, um ein Treffen der sexuellen und durchaus lebensgefährlichen Art zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau, die zumindest wie eine Prostituierte aussieht. Der zweite Teil der Hegemann-Story sei "komplett eine Kopie von unserem Film, sowohl die Sätze als auch die Formulierungen und der Ablauf der Handlung."

Tatsächlich finden sich auffällige Parallelen: "Was sagt eigentlich ihr Freund zu ihrem Job?" heißt eine Dialog-Sequenz bei Hegemann. Weiter: "Sie holt einen altertümlichen Perkussionsrevolver aus ihrer Tasche und richtet ihn auf mich. ,Haben Sie nicht noch was anderes dabei? Irgendeine ganz simple 9mm-Pistole?', frage ich." In Teskes Film heißt es: "Also wie machen Sie das mit Ihrem Beruf? Was sagt Ihr Mann dazu?" Und kurz darauf: "Ist das eine 9mm? Etwas anderes hätten Sie nicht?" Und so geht das über einige Strecken weiter. Teske klingt verletzt und verwundert, als er sagt, er wisse schlichtweg nicht, wie er nun damit umgehen solle.

Mit der Uni und der eigens gegründeten Produktionsfirma "Das Kind mit der goldenen Jacke" habe er den Film realisiert, mit Cosma Shiva Hagen und Adolfo Assor in den Hauptrollen. Der Film wiederum sei eine Adaption der Kurzgeschichte "Un peu de tendresse" des französischen Autors Martin Page, der sein Einverständnis zu dieser nichtkommerziellen Verfilmung gegeben habe und "auf jedem Plakat, auf jedem Flyer" auch genannt werde.

Teske kann sich gut denken, wie das Abkupfern zustande kam: Sein Film war 2009 beim 30. Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken im Kurzfilmwettbeweb nominiert. Im selben Jahr gewann Hegemanns Film "Torpedo" mit Alice Dwyer in der Hauptrolle in der Kategorie der mittellangen Spielfilme. Teske vermutet, dass Hegemann in Saarbrücken den Film gesehen und sich einfach daraus bedient habe. "Ich will hier gar nicht anklagen, es geht mir nur darum, dass wir ja selbst bereits die Geschichte adaptiert hatten und immer auf den Autoren hinwiesen - das ist schließlich das erste, was wir an der Uni lernen: abschreiben geht gar nicht." Dass Hegemann sich offenkundig nicht daran gehalten habe und er dies durch reinen Zufall entdeckte, findet Teske "ziemlich eindeutig und krass".

Wahrscheinlich war es Helene Hegemanns Pech, bei Ullstein und also bei einem renommierten Verlag veröffentlicht zu haben und nicht bei "irgendsoeinem Hinterhof-Verlag", womit sie eigentlich eher gerechnet hätte, wie sie in unserem Gespräch vor dem Plagiatsvorwurf noch witzelte. In dem Gespräch damals ging es noch vor allem darum, dass ihr Buch unter Autobiographieverdacht stehe. Sie sei, sagte sie damals, über die Gleichsetzung von Buch-Vater und ihrem realen Vater Carl Hegemann wütend, weil sie das Gefühl bekomme, man sei gar nicht in der Lage, das richtig zu kommunizieren, "weil einem alles so geraubt wird von vornherein."

Obwohl kaum jemand lacht, ist hier einiges nicht ganz frei von Ironie, zum Beispiel auch der Umstand, dass ausgerechnet das Internet, das die Grenzen der schreibenden Subjekte verwischt, jetzt so maliziös zum Aufdecken von Plagiaten genutzt wird. Und es mag auch ein kleiner Trost für Airen und auch Teske sein, dass ihre Werke und ihre Autorschaften durch diesen literaturbetrieblichen Skandal ein wenig mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Was bleibt übrig vom Text?

Frank Maleu, Geschäftsführer des SuKuLTuR-Verlags, der das Buch "Strobo" des Autors Airen herausbrachte, zeigt sich jedenfalls versöhnlich: Hegemann habe "ein gutes Buch geschrieben, keine Frage". Es sei nicht sein Begehr, "dass jetzt alle Welt über Helene Hegemann herfällt", sagte er in einem Interview mit "spreeblick.de". Man bemühe sich um eine Lösung, noch befinden sich der Ullstein- und der SuKuLTuR-Verlag in Verhandlungen, sagte uns eine Ullstein-Sprecherin gestern Nachmittag.

Und was wird bleiben, aus literaturgeschichtlicher Sicht? Folgt man den zahlreichen, teils hasserfüllten Artikeln gegen Hegemann, so ist das Höchstmaß an Obszönität nicht etwa eine Analfissur in weiblichen Feuchtgebieten (obwohl Hegemann auch solches zu bieten hat), sondern die Urheberrechtsverletzung. Ist ja aber auch eklig, in einer Zeit, wo die Marke des eigenen Namens existenzielle Bedeutung hat.

Das wusste schon der erste bürgerliche Schriftsteller Deutschlands, der sich vom Schreiben wirklich ernähren musste oder vielmehr konnte. Wir zitieren mal zur Beruhigung im ganzen Hegemann-Stress den fleißigen Exzerptenschreiber und Goethe-Zeitgenossen Jean Paul, der seine eigenen Textwiederverwurstungen gerne in drastische, oft kannibalische Bildern fasste: So verbleibe im "Gott der Zeit" ein "kräftiger Lehrbraten wie Aristoteles Jahrhunderte in ihm, bis er ihn verändert wieder von sich gibt in der Form von Kant". Mal sehen also, was aus dem Axolotl-Lurch noch alles wird. Wir jedenfalls sind gespannt.