Meine Geschichten

Gigli und Grock, zwei Unvergessene

Bis auf den heutigen Tag werde ich nicht satt, zweier Künstler höchst gegensätzlicher Art zu gedenken, die, weiß Gott, nichts mit einander gemein hatten. Sie gingen getrennte Wege - und dies strikt wie Feuer und Wasser.

Sie hatten kein Tüpfelchen miteinander gemein. Doch war jeder auf seine Weise einzigartig und blieb unvergessen. Ich begegnete beiden erstmals als 15-Jähriger, also in den dreißiger Jahren.

Der eine war Benjamino Gigli, der andere Dr. Adrian Wettach, ein Schweizer, besser bekannt unter dem Künstlernamen Grock. Sein unvergesslicher Clowns-Ruf "Nit mö-ö-ö-glich", mit dem Wettach alias Grock seine Lebenserinnerungen überschrieb, warf sich unwiderstehlich über alle erdenklichen Zirkusmanegen der Welt. Es war eben doch möglich, nichts als Zirkus-Clown zu sein und gleichzeitig unsterblich zu werden.

Ich kam wieder darauf, als ich jetzt die Memoiren des Joseph Grimaldi las, die ein junger Mann namens "Boz" seinerzeit druckreif gemacht hatte. Auch "Boz" war ein Künstlername. Charles Dickens hatte ihn sich zugelegt. Es war der Kosename seines jüngeren Bruders Augustus. "Ich - der Komödiant", hatte, schwankend zwischen Lebensqual und Gelächter, Joseph Grimaldi seine von Dickens aufgezeichneten und redigierten Lebenserinnerungen überschrieben. Sie fanden in Annemarie und Heinrich Böll zwei kongeniale Übersetzer. Als Dritte im Bunde gesellte sich ihnen die großartige Hilde Spiel zu. Sie schrieb das Vorwort: eine literarische Zusammenarbeit höchsten Ranges über die Jahrhunderte hin.

Das Osterfest 1939 hatte ich in Rom, mit Abstechern nach Neapel, Pompeji und Capri, verbracht. Ich weiß nicht genau, wie mein Vater das damals gedeichselt hat, denn man durfte ja nicht mehr als zehn Mark ins Ausland mitnehmen. Einer seiner italienischen Geschäftspartner bezahlte wohl jenseits der Grenzen unseren Aufenthalt. So also kam es, dass ich in blutjungen Jahren eines schönen Tages vor den Pforten der Römischen Oper stand. Sie spielte Massenets "Manon", Mafalda Favero (auch sie mir unvergesslich) sang die Titelpartie. An ihrer Seite der wundervollste Tenor der Zeit, vielleicht sogar aller Zeiten: Benjamino Gigli. Allerdings kam es nach seiner unvergleichlich hingehauchten "Traumerzählung" am Ende des 2. Aktes zu einem Volksaufstand, der den Vorhang vorfristig niederzwang.

Das Publikum schrie sich die Kehlen nach einem da capo heiser. Es wollte die drei beseligenden Minuten der Gigli-Arie noch einmal hören, genießen, ans Herz drücken. Nichts zu machen: Eine damals brandneue, strikt durchgefochtene Regel untersagte jede Wiederholung. Nach der Pause trat Gigli betrübt an die Rampe und entschuldigte sich. Man müsse es, bitte, verstehen: Er spiele und sänge doch nicht allein.

Das allerdings tat Grock nachhaltig selbst auf seine uralten Tage. Grock schlurfte, als ich ihn wiedersah, in seinen Clownlatschen schon auf die achtzig zu. Das muss Mitte der fünfziger Jahre gewesen sein. Aus Anhänglichkeit besuchte ich noch einmal seinen Circus. Grock nahm sich Zeit. Im Schneckentempo umrundete er, eine armselige kleine Ziehharmonika in den Händen, die leere Arena. Er blickte ins Publikum, als suche er mich. Er spielte eine winzige, fast melancholische Melodie und zog sie in eine schluchzende Länge.

Dann aber gab er sich urplötzlich auf der Wanderung einen Ruck und setzte sich nieder. Nicht allerdings auf einen Stuhl, o nein! Er schwang sich wie im Fluge hoch auf dessen Lehne hinauf und blieb dort, immerfort weiter spielend, unerschütterlich sitzen. Donnerwetter - wenn auch ich auf meine alten Tage etwas derart Einzigartiges zustande brächte!