Bühne

Der Comedian als Sozialarbeiter

Noch vor dem ersten Hallo quakt Murat Topals Handy in der Tasche. Peinlich berührt entschuldigt er sich, bevor er das Gespräch leise annimmt, hat sich der Comedian doch in seinem aktuellen Bühnensolo "Tschüssi Copski" als entschiedener Gegner lauter, enervierender Klingeltöne in der Öffentlichkeit geoutet.

Nur erwartet er gerade einen dringenden Anruf. Es geht um das Überraschungskostüm für seine neue Personality-Show "Alles kann, nichts muss - Murat Topal lädt ein" im Saalbau Neukölln. "Es wird tänzerisch und musikalisch einiges geboten", witzelt er und jeder, der ihn kennt, erinnert sich grinsend an die beherzte Disco-Queen-Einlage aus seinem Programm.

Diesmal wird es garantiert wieder komisch, aber anders als man denkt, denn der 33-Jährige springt ins kalte Wasser und übernimmt die für ihn komplett neue Rolle als Gastgeber. Proben kann er dafür nicht viel, erwartet er doch neben befreundeten Künstlern vor allem immer wieder Überraschungsgäste aus der Nachbarschaft. Vorbereitete Interviews gibt es daher nicht. "Ich werde spontan Fragen stellen. Es muss ja nicht immer lustig sein. Auch ernste Gespräch können einen Unterhaltungswert haben", meint der frischgebackene Showmaster. Sein verbaler Sparringspartner und Co-Moderator ist sein Kumpel Felix Hugen. "Sonst lebt er in einem 300-Seelen-Dorf im Schwabenländle und arbeitet als Sonderpädagoge. Als solcher ist er in Neukölln gut aufgehoben. Mal gucken, wie er es findet", feixt Murat Topal.

Scherze dieser Art darf sich Topal als waschechter, gebürtiger Neuköllner ruhigen Gewissens erlauben. Auch, wenn er mittlerweile mit seiner Frau und Töchterchen Lale, 11 Monate, in Britz lebt. "Für manche das Zehlendorf Neuköllns", lacht er und lässt keinen Zweifel daran, dass sein Bezirk viel zu bieten hat. Nur mit der Kultur hapert es. Das soll sich nun ändern: "Ich glaube, es gibt ein großes Zuschauerpotential und eine Menge zu erzählen aus Neukölln für Neukölln. Hier leben ja nicht grundsätzlich Kulturbanausen. Man fährt dafür nur halt woandershin", weiß der Lokalmatador aus eigener Erfahrung.

Es wird harte Arbeit sein, den Saalbau als kulturelle Pilgerstätte zu etablieren. Doch wenn es darum geht, seinen Kiez voranzubringen, gibt der sympathische deutsch-türkische Comedian alles. Schließlich ist er selbst nicht gerade idyllisch, aber wohlbehütet aufgewachsen zwischen Hermannplatz und dem Kottbusser Tor, direkt an der Bezirksgrenze zwischen Neukölln und Kreuzberg. Über zwölf Jahre war er Polizist in Kreuzberg, bevor er seinen Status als Beamter auf Lebenszeit zugunsten einer wenig planbaren Zukunft als Comedian aufgab. Schräge Geschichten aus der Zeit als Gesetzeshüter erzählt er heute noch auf der Bühne. Stets ganz bodenständig und freundlich, gleichwohl bestimmt und zuweilen sogar knallhart, aber nie beleidigend. "Es ist mir ein Bedürfnis, nicht demütigend zu sein, gegen wen es auch immer geht", sagt er mit Nachdruck.

Eine Comedy-Kunstfigur musste er sich dafür nie ausdenken. Er war und ist Murat Topal. Ein authentischer Typ, der auch von Jugendlichen akzeptiert wird und wohl auch deshalb fast seine gesamte Freizeit für Projekte gegen Jugendgewalt und für Integration opfert. Wie "Stop Tokat" gemeinsam mit seinen ehemaligen Kollegen. "Tokat heißt wörtlich übersetzt Ohrfeige. Im Jugendslang ein Synonym für das sogenannte Abziehen, also jemandem unter Gewaltanwendung oder -androhung einen Wertgegenstand abnehmen. Wir versuchen, die Jugendlichen für die Schwere dieser Straftat zu sensibilisieren. Sie sehen darin nur eine Bagatelle, sogar die Opfer", erklärt Murat Topal, der in den Schulen das Gespräch mit den Jugendlichen sucht. Zudem engagiert er sich noch als Botschafter des Kinderhilfsprojekts "Notinsel". Dass er mittlerweile gern gesehener Gast in Talkshows ist, wenn es um Jugendgewalt oder Integration geht, und nicht unbedingt als Comedian eingeladen wird, empfindet er als positiv. Den damit einhergehenden steigenden Druck als permanentes Vorbild nimmt er fast heldenhaft gelassen: "Das kann vielleicht die Verspannung in den Schultern etwas erhöhen."

Saalbau Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Tel. 69 51 51 27 oder 68 09 37 79. Termine: 18.-22.3., 20 Uhr.