Kritik der reinen Vernunft

Foto: L'age d'or (honorarfrei)

Am Neujahrsabend haben sie die vier Jungs von Tocotronic bereits in der Volksbühne vorgestellt, heute kommt die neue Platte in den Handel. Ein Album gegen das vernünftige Dagegensein.

Der Sänger, Gitarrist und Dichter Dirk von Lowtzow zog schon gegen etliches zu Felde. Gegen Kleinkunst sang er, griff Gitarrenhändler an und zürnte dem entrückten Literaten Michael Ende. Die Stadt Freiburg war dem Offenburger einen Schmähsong wert: Von Lowtzow nölte über eine altalternative Spießerstadt mit Fahrradfahrern, Tanztheatern und Eric-Rohmer-Filmabenden. "Wir kommen, um uns zu beschweren", "Ich verachte euch zutiefst" und "Alles, was ich will, ist nichts mit euch zu tun zu haben". So und ähnlich hießen Schlüsselzeilen seiner Rockband Tocotronic. T-Shirt-taugliche Parolen.

Wer sein Leben in den späten neunziger Jahren als Student in Hamburg, Köln oder Berlin verbrachte, trug den Haß als Songtitel tatsächlich auf der Hemdbrust unter seiner Trainingsjacke. Gegen irgend etwas mußte man noch sein. Sich darin einig auch. Als nettes Ziel boten sich provinzielle Spinner an und ihre Lebensweisen. Tocotronic stieg zur großen Deutschrockband für junge Menschen auf, die gerade Abitur, Zivildienst und/oder soziales Jahr bewältigt hatten. Menschen, die in Dirk von Lowtzow einen Aphorismenlieferanten für einen erneuten jugendkulturellen Ausbruch aus der Langeweile sahen.

Das barg zwei Probleme. Erstens: Offene Türen einzurennen, wirkt im Rock 'n' Roll auf Dauer niemals sexy. Zweitens: Wer Protestsongs vorträgt, hofft zwar auf Applaus. Aber ihm geht ein anhängliches Publikum naturgemäß auch schneller auf die Nerven als etwa den Pop- und Schlagersängern. Diese zwei Probleme hofft die Band mit ihrem siebten Album für die nächste Zeit gelöst zu haben. "Pure Vernunft darf niemals siegen" heißt die Platte. Es gibt darauf Liederverse, über die sich Dirk von Lowtzow 1995 so geärgert hätte, daß ihm sofort eine Antihymne dazu eingefallen wäre. Nach zehn Jahren Tocotronic klingt ein Album derart aus: "Ich habe Stimmen gehört / Ich habe Dinge gesehen / Die waren so schön / Wie nichts auf der Welt / Ich hab die Schwelle gekreuzt in die Unendlichkeit".

Romantik, Metaphysik, Esoterik. Was hat Dirk von Lowtzow zu seiner Verteidigung zu sagen? "Alles in unserer Gesellschaft zielt im Augenblick auf Pragmatismus. Überall heißt es: "Orientiert euch am Machbaren!" In dieser faktenversessenen Gegenwart ist es schon fast revolutionär, sich mit Spirituellem und Emotionalem zu beschäftigen. Das, was man früher Eskapismus nannte, ist heute eine radikalpolitische Geste." Wenn also die Mehrheit von vernünftigen Reformen spricht, wenn eine neue Sachlichkeit zum Konsens wird, muß Rock dagegen sein. Das bleibt sich eine Band wie Tocotronic schuldig.

Dirk von Lowtzow, heute 33, wuchs behütet im Südbadischen heran. Er zog zum Studium nach Hamburg, traf dort Musiker der Punkrockszene und begründete mit Arne Zank am Schlagzeug und Jan Müller, dem Bassisten, Tocotronic. Sie benannten ihre Band nach einem Computerspiel. Die Songs wurden zu Hause auf Kassetten aufgenommen wie es in den frühen neunziger Jahren Amerikaner taten und als Lo-Fi oder College-Rock verkauften. Irgend jemand schrieb damals auch von der deutschen Antwort auf Nirvana. Tocotronic nahmen das zur Kenntnis.

Doch es handelte sich eigentlich um etwas anderes, sehr Deutsches: Zu Beginn der Neunziger verkündete L'age d'or, die kleine Plattenfirma, zu der Tocotronic später stießen: "Popmusik darf nicht dumm sein!" Das befolgten Hamburger Kapellen wie Huah! und Kolossale Jugend, Blumfeld und Die Sterne vorbildlich. Dazu entstanden sperrige Begriffe, man sprach vom "Diskurspop" der "Hamburger Schule". Als Dirk von Lowtzow 1995 in den Zirkel platzte, sang er nicht ganz unironisch: "Ich bin neu in der Hamburger Schule, und ich kenn mich noch nicht so gut aus." Und das Berühmtgewordene: "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein!" Die Geistesschärfe aber brach hervor aus jeder Zeile und durch jedes immer leicht verstimmte Riff. Das Schwerblütige, das Gebildete.

Seit 1999 allerdings, seit kunstvollen Entwürfen wie "K.O.O.K" und "Tocotronic" deutet sich ein Zweifeln und ein Zaudern an. Als habe sich von Lowtzow in den letzten Jahren aller einschlägigen Handbücher der großen Auf- und Abklärer, seiner Adornos, Horkheimers und Haugs, entledigt. Und als habe er dafür bei Ebay Fantasy-Romane und Pamphlete von romantischen Globalisierungskritikern ersteigert. Heute ruft er: "Völker! Auf zum Gefecht! Die Illusion wird Menschenrecht!" Und er erbittet Lügen, Licht und Liebe. Was aber am Ende dazu führt, daß man die Texte nicht mehr ganz so wichtig nehmen möchte und auf die Musik hört, einen diesmal britisch inspirierten, leichtherzigen Folkrock. Deshalb klingen Tocotronic nun tatsächlich zauberhafter als jemals zuvor.

Nur die Probleme mit den offenen Türen und dem allzu treuen Anhang werden sie nicht lösen können. Schneller als ein störrisches Idol wie Dirk von Lowtzow heute 13 Songs geschrieben, seine Rockband einberufen und ein Album aufgenommen hat, ist jeder Zeitgeist unterwegs. Am Neujahrabend stellte Tocotronic im Berliner Saal der Volksbühne die neue Platte vor. Ein Album gegen das vernünftige Dagegensein. Die nicht mehr ganz so jungen Menschen waren bereits einverstanden.

Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen (L'age d'or/Rough Trade)