Musik

"Konservativ ist nicht automatisch blöd"

25 und 26 Jahre sind die vier Freunde aus Bautzen in Sachsen inzwischen alt. Seit zehn Jahren machen sie zusammen Musik als Silbermond, sind in ihrer Band von Teenagern zu Erwachsenen gereift. Der Titel der dritten Platte, "Nichts passiert", ist folglich die reinste Ironie. Mehr als ein Jahr schliffen Silbermond am neuen Werk.

Dabei haben Stefanie Kloß, Johannes Stolle, Thomas Stolle und Andreas Nowak ihre Bandbreite erweitert und spielen neben Balladen ("Die Liebe lässt mich nicht") und typischen Poprocknummern ("Alles Gute") auch Elektrorock ("Tanz aus der Reihe") und Ambient ("Krieger des Lichts"). Mit Silbermond sprach Steffen Rüth.

Berliner Morgenpost:

Eure Single "Irgendwas bleibt" ist direkt auf Platz Eins gelandet. Weil der Text die Ängste der Menschen angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage widerspiegelt?

Thomas Stolle:

Momentan beziehen viele Leute das Lied auf die Wirtschaftskrise. Wir haben es aber nicht deshalb geschrieben, es ist auch fast ein halbes Jahr alt. Vielmehr geht es darum, dass unsere Zeit extrem schnelllebig ist. Man hat so viele Möglichkeiten und weiß gar nicht mehr, was man zuerst machen soll. Deshalb empfindet man die Welt als unsicher und als zu schnell. Und da wünscht man sich schon eine Art von Ruhe und Sicherheit. Man kann das auch wirtschaftlich interpretieren, aber es geht eher um die Sehnsucht nach Geborgenheit.

Rockmusik wird nicht unbedingt mit Werten wie Sicherheit und Geborgenheit verbunden. Sondern mit Aufbruch, Risiko und Rebellion.

Stefanie Kloß:

Ach ja, was ist Punk, was ist Rock? Diese Diskussion ist überflüssig geworden. Wir glauben an gewisse Werte, und manche dieser Werte kannst du ruhig als konservativ bezeichnen. Aber das macht uns noch lange nicht zu Spießern.

Andreas Nowak:

Eine gewisse Unsicherheit im Leben kann auch spannend sein. Natürlich hat bei uns keiner Interesse daran, seinen Berufsweg bis zur Rente schon zu kennen. Dafür sind wir auch im völlig falschen Job. Für mich handelt "Irgendwas bleibt" eher davon, sich zu bestimmten Dingen im Leben zu bekennen und nicht jeden Tag seine Meinung zu ändern, um irgendwelche Trends hinterherzurennen.

Sehnt sich eure Generation der Mittzwanziger nach einer neuen Kuscheligkeit?

Stefanie:

In erster Linie ist das unsere Reflektion. Ob wir ein Lebensgefühl damit einfangen, das weiß ich nicht. Offensichtlich können sich aber viele Menschen mit unseren Aussagen identifizieren.

Andreas:

Ich sehe es schon so, dass unsere Generation eine gewisse Beständigkeit und mehr Sicherheit sucht. Gerade das Internet bombt einen so zu, dass man sich kaum noch mit sich selbst beschäftigt. Eine wirkliche Beziehung zwischen Menschen ist viel mehr wert als die Beziehung zu irgendwelchen Dingen oder sogenannten Online-Freunden.

Stefanie:

Ich muss mir einfach nicht mehr ständig anhören "Du willst Familie und Haus und Kinder? Das ist ja uncool." Konservativ zu sein ist nicht mehr automatisch blöd.

Thomas:

Man darf es mit dem Konservativsein aber auch nicht übertreiben.

Stefanie:

Natürlich denke ich nicht jeden Tag daran, wann ich meine Kinder kriege. Aber ich weiß, dass ich das irgendwann will.

Also doch Trend?

Thomas:

Eher ein Gefühl. Man besinnt sich wieder stärker auf sich selbst. Man kommt zu sich und ruht in sich.

Habt ihr noch Geheimnisse voreinander?

Stefanie:

Die Männer machen eher ihr Ding, die treten viele Sachen nicht so breit. Ich bin mehr so die Erzähltante. Und klar vertrauen wir uns und wissen auch sehr viel voneinander.

Besprichst du Beziehungsfragen mit den Jungs?

Stefanie:

Ich hole mir bei den Jungs Ratschläge. Ich muss sowieso alle Männer immer erst bei den Jungs antreten lassen und die entscheiden dann, wer für mich taugt.

Thomas:

Das ist nicht "Date my Mum", sondern "Date my Band".

Tun sich Partner damit schwer? Denken die, jetzt müssen sie ihren Freund oder ihre Freundin mit der ganzen Band teilen?

Thomas:

Wir haben keinen Beruf, bei dem um 17 Uhr Feierabend ist. Wir sind Musiker, und Musiker ist man rund um die Uhr, das ist also schon schwer unter einen Hut zu kriegen. Man muss man den Partner einbeziehen, denn das Leben eines Musikers ist ja nicht immer leicht zu verstehen. Gerade wenn man ein Album schreibt und produziert, kommt man komisch drauf und denkt Tag und Nacht an die Songs.

Silbermond treten sehr als Einheit auf. Nach außen scheint es nie Differenzen zu geben.

Andreas:

Wir verstehen uns, im Gegensatz zu vielen anderen Bands, einfach sehr gut. Bei uns ist es ziemlich bodenständig geblieben. Vieles ist noch so wie früher: Der kindliche Spaß beim Musikmachen ist noch da. Man trifft sich zum Proben, nimmt Lieder auf uns spielt Konzerte. Wir treffen uns auch privat noch, die Struktur ist so geblieben wie früher. Damals hat jeder bei seinen Eltern gewohnt, jetzt hat jeder seine eigene Wohnung.

Stefanie, der Song "Weg für immer" handelt vom Auswandern. Selbst mal daran gedacht?

Stefanie:

Eine Freundin von mir hat drei Jahre in Barcelona studiert und jetzt beschlossen, dass sie dort bleiben will. Die hat hier nie richtig Fuß gefasst, sie fühlt sich im Ausland wohler. Ich selbst hätte mich schon schwergetan, alleine nach Berlin zu gehen, mein Leben so von Zuhause weg zu verlagern.

Dass euch die Heimat sehr wichtig ist, wird ja auch im Lied "Nach Haus" deutlich.

Thomas:

Genau. Der Song beschreibt den Moment, wenn du über die A4 nach Bautzen reinkommst. Da kommt erst Görlitz, dann dieser Hügel und dann liegt diese wunderschöne, 1000 Jahre alte Stadt mit allen deinen persönlichen Erinnerungen vor dir.

Werdet ihr im Jubiläumsjahr des Mauerfalls überhaupt als ostdeutsche Band wahrgenommen?

Thomas:

Ich bin eh kein Freund von Grenzen, aber es gibt Leute, die sehen uns in der Tat als Ostband. Wobei wir mit der DDR, wie sie unsere Eltern noch erlebten, nichts mehr zu tun haben. Wir waren zur Wendezeit 6 oder 7 Jahre alt. Natürlich hat man kindliche Erinnerungen an die Zeit, aber richtig mitbekommen hat man es nicht.

Stefanie:

Was früher die Puhdys oder Karat gemacht hatten, hat sich schon extrem unterschieden von dem, was die Bands im Westen gemacht haben. Weil eben die Umstände und Einflüsse ganz andere waren. Aber wir hatten diese Grenzen ja gar nicht, wir konnten überall hin und alles hören, wir waren gleich frei. Wir haben uns nie Gedanken darum gemacht, dass wir aus dem Osten kommen.

Das neue Album Silbermond: Nichts passiert (Sony-BMG), erscheint am 20. März

Das Berlin-Konzert 26. Mai, Columbiahalle