Theater

Eine Espresso-Therapie an der Schaubühne

Ein prächtiger Weihnachtsbaum Anfang März auf der Bühne! Verständlich, dass der erste Satz des Geschäftsmanns Robert Bertrand lautet: "Ich will hier weg!". Der Mann will verschwinden und sich unsichtbar machen. Was ihn nicht hindert, später als angeblicher französischer Halbbruder wieder aufzukreuzen.

- In der Firma soll ihn sein Freund Holger Voss ersetzen. Der Mann ist aber so genervt von diversen Mobbings, dass er sich nicht mal traut, den Telefonhörer abzunehmen.

Roberts Sohn Helmar hat derweil eine Holländerin ins Haus gelassen, die mit ihm das Wort "ficken" nur auf dem Scrabble-Brett auslegt, aber den elterlichen Safe leer räumt. Soviel knallbunte Handlungsfäden sind dem Autor David Gieselmann aber noch nicht genug. Frau Bertrand hat einen Ligurien-Tick und will partout nach Italien abdampfen, ob nun mit Robert oder seinem französischen Double. Ihr Psychiater rät ihr zur Espresso-Therapie nach dem Motto - immer in die Tasse schauen und sprechen: "Wo liegt das Problem?". Das Hauptproblem des Seelendoktors liegt darin, dass er mit fast allen Frauen des Gieselmannstücks ins Bett geht, die Patientinnen aber nicht mehr auseinanderhalten kann.

Mit "Die Tauben" hat Gieselmann den "Komödienwettbewerb" der Schaubühne gewonnen. Der wurde im Rahmen von "60 Jahre Deutschland. Annäherung an eine unbehagliche Identität" von der Kulturstiftung des Bundes gefördert, was nicht zwingend komische Ergebnisse erwarten lässt.

Überhaupt hätte man denken können, dass die Schaubühne, die gelegentlich einer unerwiderten Liebe zum Lustspiel erliegt, allein schon durch ihre Erfahrungen mit Gieselmanns "Herr Kolpert" gewarnt war. Schon damals war der "Hausautor" des Theaters Marius von Mayenburg an der Regie beteiligt. Die beiden kennen sich bereits aus ihrer gemeinsamen Hochschulzeit im Studiengang "Szenisches Schreiben". Die jetzige Uraufführung inszeniert Mayenburg solo. Es ist dann auch weniger der Schwachsinn des Stücks als die Inszenierung, die den Abend zum Vergnügen macht.

Der formale Kniff des Autors besteht darin, auf klassische Einheiten zu pfeifen. Nicht umsonst trug Gieselmann zur Premiere ein Sweatshirt mit Schneebesenmuster. So quirlt er die Dialoge munter durcheinander. Alle Figuren sind gleichzeitig auf der Bühne und schwatzen quer durcheinander. Leider franst diese Simultan-Methode zum Schluss etwas aus.

Den verrücktesten Vogel schießt Urs Jucker in der Bertrand-Doppelrolle ab. Sebastian Schwarz gibt den derangierten Psychiater. Judith Engel schaut zickig in die Kaffeetasse. Stefan Stern mimt beider Sohnemaxen, der eigene Ambitionen im väterlichen Betrieb hätte, für den Posten aber nicht gefragt ist. Robert Beyer jagt als gemobbter Rumpelstilz durchs Gelände und steckt den Kopf in die Weihnachtstanne. Cathlen Gawlich schreit nach Kräften. Sie hat davon etwas viele.

Mayenburg streut unentwegt Juckpulver in das szenische Chaos. Und um vom schmalen Potenzial des Stücks etwas abzulenken, lässt er seine bestens konditionierten Spieler alle möglichen Hits und Schlager parodistisch backplayen, karaoken und o-tönen. Von Elvis bis Tina. Von "Schöner fremder Mann" bis zu "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt".

Das Publikum quietscht vor Vergnügen. Oder fragt sich, ob es auf dieser Höhe des Kurfürstendamms im richtigen Theater sitzt.

Schaubühne am Lehniner Platz . Kurfürstendamm 153. Charlottenburg. Tel. 890 023. Termine: 8., 11., 12. und 27.-29.März.

Die Tauben ++++-