Rock-Konzert

Phillip Boa zickte im Postbahnhof mit dem Publikum

Wer immer schon wissen wollte, wie Eitelkeit und Dandyglamour im Mix mit ruppiger Ruhrpottschnauze klingt, der muss nur ein Konzert mit Phillip Boa besuchen. Deutschlands Indie-Urgestein war jetzt im Postbahnhof zu erleben.

Wer wissen wollte, wie Fleisch gewordene Nostalgie gepaart mit Melancholie aussieht, der musste im Postbahnhof nur einen Blick ins Publikum werfen.

Dort tummelten sich zahlreiche Männer in speckigen Lederjacken, hielten sich am Bierbecher oder einer Frau fest und sahen so aus, als wären die 80er Jahre nicht etwa so was von vorbei, sondern schwer im kommen. Sie alle starrten einen Mann an, der auf der Bühne umhertigerte, wie ein Tier im Gefängnis und so wirkte, als hätte er vor dem Auftritt nicht nur Kräutertee konsumiert.

Wer immer schon wissen wollte, wie Eitelkeit und Dandyglamour im Mix mit ruppiger Ruhrpottschnauze klingt, war hier genau richtig. Phillip Boa ist nicht nur Deutschlands Indie-Urgestein, er ist auch ein Mann mit Faible für anständige Anzüge und unanständiges Gezicke. Er ist der Mann mit der Lizenz zum Wiederaufstehen und Weitermachen, schließlich sind seit seinem Debütalbum bereits weit über 20 Jahre vergangen. Damals schrieb er Krawallsongs und zwischendurch immer wieder Popperlen, mischte die deutsche Musikszene auf, und hatte mit "Container Love" einen internationalen Hit.

Dann trennte er sich von Partnerin und Muse Pia Lund und winkte zeitweise auch seiner Band Voodooclub Goodbye. Vor einigen Jahren jedoch besann sich Phillip Boa auf seine Stärken, holte die Lady zurück und veröffentlichte gerade mit dem sechzehnten Studioalbum "Diamonds Fall" ein geschliffenes Popalbum ganz ohne Patina. Dank Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit groovt und rumort es da so zackig, dass selbst Schmachtfetzen wie "Lord, Have Mercy With The 1-Eyed" erträglich werden.

Nur die Live Umsetzung war dann ein bisschen traurig. Zwar warf sich Boa sichtlich entrückt in den Gig, tanzte verwegen und merkwürdig und zickte sogar pflichtgemäß ein wenig mit dem Publikum. Zudem spielte er beachtliches Set, verzichtete nicht auf Klassiker und begann sogar mit dem tollen "Fine Art in Silver". Und doch sprang der Funke nicht wirklich über. Das Publikum und der aufgepeitschte Boa wirkten jedenfalls beide irgendwann furchtbar müde. Nur Pia Lund machte sich immer noch wunderbar als entzückende Sirene, und bei Nummern wie "Valerian" oder dem tollen "Jane Wyman" blitzte großes Können, Poesie und Verwundbarkeit durch. Es war ein Abend für Liebhaber.