Fernsehen

Echos, Kasper und ein schlechter Witz

In den vergangenen Jahren wurde Deutschlands Antwort auf den Grammy zwar schon in Berlin gegeben. Bisher aber in Kongresszentren oder Hotelhallen. Nun wird der Echo 18 Jahre alt und damit volljährig, und die Verleihung geht in der O2-World über eine großzügig geschwungene Bühne.

Auch Berlin verfügt inzwischen über eine Allzweckhalle wie sie viele Weltstädte besitzen. Nicht mehr RTL sendet die Echo-Gala aus dem Saal hinaus ins Land, sondern die ARD. Durch Show und Sendung führt Oliver Pocher, unterstützt von Barbara Schöneberger. Pocher schwört die Gäste vor der Übertragung ein: "Selbst wenn es Volksmusik sein sollte - klatschen Sie!"

Das ist kein Witz. Denn anschließend ehrt Florian Silbereisen den Kollegen Thomas Godoj, einen 30-jährigen Absolventen der Talentschau "Deutschland sucht den Superstar", als Newcomer des Jahres. "Womit hab ich das verdient?" fragt Thomas Godoj nicht ganz unberechtigt. RTL zeigt zeitgleich "Deutschland sucht den Superstar". 5,4 Millionen sehen Dieter Bohlen. Nur 3,1 Millionen schauen in der ARD Oliver Pocher, Barbara Schöneberger und dem deutschen Popgeschäft beim Jahrestreffen zu.

Fast vergessene Mädchengruppe

Am späteren Abend überreicht die fast vergessene Mädchengruppe Monrose einen Echo an die Kastelruther Spatzen, ihren zwölften. Monrose tragen Dirndl. Als die ersten Preise 1992 noch in Köln verliehen wurden, feierte die deutsche Plattenindustrie sich selbst im kleineren Kreis. 2001 zog auch der Echo nach Berlin, als alljährliche Leistungsschau. Die Popmusik machte erhebliche Verluste, und bislang hat sie sich nicht davon erholt. Der Echo wird schon deshalb derart festlich an die Musiker verteilt, um deren Dienstleistungen wieder aufzuwerten. Daher die O2-World und die ARD.

Darum auch Oliver Pocher, der tut, was er kann: Er nimmt nichts ernst. Das ist ihm, angesichts der plötzlich einträchtigen Popmusik-Familie, zwar nicht zu verübeln, hilft der Sache aber auch nicht weiter. Pocher kaspert das um Würde ringende Pop-Gewerbe übermütig nieder. Öffentlich-rechtlich gesehen wirkt das diesjährige Echo-Fest vergleichsweise erfrischend. Es gibt Livemusik vor Blumenwiesen, Witze auch auf eigene Kosten und Stefanie Heinzmann, die tatsächlich singen kann. Bunt wie der fliederfarbene Teppich für die Prominenz aber auch amtlich wie der internationale Beistand von U2. Die Band bewirbt ihr neues Stück "Get On Your Boots". Den Deutschen macht sie eine Freude mit der Videowand, wo sich der Bundesadler auf der Flagge in einen vergnügten Schmetterling verwandelt. Depeche Mode, die New-Wave-Lieblinge der Deutschen, spielen einen frischen Song als Weltpremiere.

Andere Bühnengäste aus der weiten Welt sind nominiert für einen Preis, den sie praktischer Weise auch bekommen. Die Schottin Amy MacDonald etwa. Oder der englische Tenor Paul Potts, ein ehemaliger Telefonverkäufer. Er nimmt seinen Preis von Christian Wulff, dem niedersächsischen Ministerpräsidenten, in Empfang. Als Potts im Nebel "Nessun Dorma" vorträgt, wird im Saal geweint wie in der T-Com-Werbung.

Pop wird auch auf der bis heute größten Echo-Gala präsentiert als Nationalkultur. Nicht als eine globale Angelegenheit, die sie schon immer war. Der Ehren-Echo für die 50-jährige Plattenfirma Motown wird an Lionel Richie überreicht. Sofort eilt Richie von der Preis- zur Musizierbühne an einen weißen Flügel. Beim Song "Ain't No Mountain Hight Enough" gesellt sich Stefanie Heinzmann aus der Schweiz (Künstlerin National, vom stammelnden Bushido dekoriert) hinzu. So weist der hiesige Pop allerdings weniger auf seine Weltbedeutung hin, als auf sich selbst zurück. Kid Rock sendet die Danksagung für den in Deutschland meistverkauften Song per Video aus Amerika. Er lobt das deutsche Bier.

Die Düsseldorfer Altpunks von den Toten Hosen musizieren unterdessen nüchtern mit Konzertgitarren und im Sitzen, gemeinsam mit der Schauspielerin Birgit Minichmayr. Sascha singt auf Englisch. Die Schlagersängerin Helene Fischer bittet, "Lass mich in dein Leben". Danach unterhält sie sich ausführlich mit dem Stilberater Bruce Darnell. Silbermond hofft unbeirrt, dass "Irgendwas bleibt".

Den Preis fürs Lebenswerk tragen die Scorpions nach Hannover. 1992 nahm ihn Udo Lindenberg entgegen. Lindenberg wird heute wiederum zum Besten Künstler National gekürt. Im Astronauten-Anzug singt er "Woddy Woddy Wodka", seinen schönsten Song seit 30 Jahren, unter einer Weltkugel. Der Echo richtet sich nach keiner Jury wie der internationale Grammy. Er ist demokratischer und wirtschaftsliberaler, muss sich deshalb aber hüten: Es geht um Bilanzen. An der Kasse gibt der Käufer seine Stimme ab. Es werden immer weniger Stimmen abgebucht, die Abwertung schreitet voran.

Fox ist der Sieger des Abends

Die gute Nachricht: Peter Fox bekommt drei Echos. Einen in der Sparte HipHop, einen weiteren als Produzent sowie den erstmals von Till Brönner überreichten Preis der Kritiker. Fox ist der Sieger dieses Jahres. Ein Berliner, der die Stadt besingt als Rattenloch und Affenkäfig, also wie sie von der Welt ganz gern gesehen werden möchte. Peter Fox schafft Pop von Wert. Die weniger gute Nachricht: Oliver Pocher. Als ihm Lionel Richie den Termin seines Konzerts verrät, den 20. April 2009 in der O2-World von Berlin, es gibt noch Karten, sagt der Moderator: "Ein spezieller Tag für uns." Auf Englisch. Adolf Hitler kam am 20. April zur Welt, vor 120 Jahren. Witze sollten niemals billiger und schlechter sein als die Musik, die man verkaufen möchte.