Dokumentarfilm

Kino als Hörsaal für Kapitalismuskritiker

Kommen Sie rein! Nehmen Sie Platz im Hörsaal! Essen und trinken Sie nichts! Sondern hören Sie einfach nur 160 Minuten lang zu, wie sich der Neoliberalismus von den 40er-Jahren bis heute entwickelt hat - von der Utopie einer Elite bis zum Glaubensbekenntnis der Globalisierung.

Mitschreiben, ja, das können Sie ruhig! Denn zu sehen gibt es eh nicht viel, nur zu hören, viel. Sehr viel!

Ohne Frage: Der Dokumentarfilm "L'Encerclement" des Kanadiers Richard Brouillette ist eine richtige Herausforderung: 13 Experten - vom unvermeidlichen Noam Chomsky bis zur Attac-Mitbegründerin Susan George - sprechen vor starrer Kamera über den Neoliberalismus. Wie weit er entfernt ist vom ursprünglichen Liberalismus eines Locke oder Smith. Wie weit neoliberale Grundsätze - Privatisierung, Rückzug des Staates, Deregulierung, freies Spiel des Marktes - selbst sozialistische Politiker wie Lionel Jospin beeinflusst, ja infiltriert haben. Und dass es sich um eine moderne Form des Kolonialismus handelt, wenn arme Länder am Tropf der Weltbank hängen.

Man kennt diese globalisierungskritischen Thesen, und doch hat man sie nie derart radikal im Kino umgesetzt gesehen. Statt einordnendem Off-Kommentar gibt es Schrifttafeln, die Thesen und Kapitelüberschriften an die Leinwand werfen. Statt aufwühlender Bilder armer Globalisierungsopfer nur ein paar hastig hingeworfene Klaviertupfer; statt beweglicher Kamera nur starre, lange Schwarz-weiß-Einstellungen auf 16-Millimeter-Film und statt Fragen nur Antworten sehr vieler, sehr kluger Köpfe.

Wer sich auf die filmische Einbahnstraße von Richard Brouillette einlässt, erlebt nach gut zweieinhalb Stunden geduldigem Sitzen im filmischen Proseminar einen unvergesslichen Zugewinn fürs Leben. (Heute, 17.30 Uhr, Cinestar 8)

Von der Theorie in die politische Praxis führt dagegen der jüngste Forums-Regisseur: Der 26-jährige Mans Mansson beobachtet in "Mr. Governor" ein Jahr lang den Alltag von Anders Björck, Gouverneur der schwedischen Provinz Uppsala. Terminkalender werden gewälzt, Staatsbesuche geplant, auch mal ein Stück Land gesät.

Die im Cinema-verité-Stil gedrehte Dokumentation ist aber letztlich nicht mehr als nur eine pittoreske, filmische Fingerübung, die uns leider die Figur des Politikers so gar nicht nahe bringt. Da war doch die Vaclav-Havel-Langzeitstudie, die man im vergangenen Jahr im Programm des Forums sehen konnte, wesentlich aussagekräftiger. (15.2., 14.30 Uhr, Cinestar 8)