Interview

Warum Kino und Fernsehen heute zusammengehören

Filme, die in den Elementen Leinwand und Bildschirm gleichermaßen lebensfähig sein sollen, nennt man in Fachkreisen "amphibisch". Dass das geht, wird von manchen Filmemachern und Filmkritikern bestritten.

Auch während der Berlinale wird die Debatte über diese Frage geführt. Der Produzent Nico Hofmann ist Experte auf diesem Gebiet. Er gründete 1998 die Firma teamWorx, die sich vor allem mit Produktionen zu zeitgeschichtlichen Themen - "Der Tunnel", "Dresden", "Die Flucht", "Mogadischu" - einen Namen machte. Mit Nico Hofmann sprachen Eckard Fuhr und Hanns-Georg Rodek.

Berliner Morgenpost:

Herr Hofmann, warum kocht die Diskussion um den "amphibischen Film" so hoch? Der Begriff ist doch schon alt.

Nico Hofmann:

Der Begriff ist uralt. Es gab ihn schon vor bald dreißig Jahren bei Günter Rohrbach. "Das Boot" ist ein berühmter "amphibischer Film" mit einer gigantischen Erfolgsgeschichte als Kino- wie als Fernsehereignis. Auch "Berlin Alexanderplatz" von Fassbinder wurde auf fast absurde Weise amphibisch. Er war für das Fernsehen gemacht und lief dann weltweit in den Kinos. Die Grenzübertritte also gibt es schon lang. Volker Schlöndorff hat die Diskussion noch einmal gepuscht durch seinen Rückzug aus der Produktion der "Päpstin".

Gegen den "amphibischen Film" wird ästhetisch und ökonomisch argumentiert. Das ästhetische Argument lautet im Kern, das Fernsehen verderbe die Filmkunst mit seiner Dampfhammer-Dramaturgie. Das ökonomische: Der ach so erfolgreiche deutsche Film sei eine Blase, die nur durch das Geld des Fernsehens erzeugt werde.

Beide Standpunkte haben eine Berechtigung. Aber man kann es auch positiv sehen. Große Filme wie etwa "Der Untergang" oder "Buddenbrooks" bekommen durch die Produktion auch als Fernseh-Zweiteiler eine ganz andere Basis-Finanzierung, ich schätze fünf, sechs Millionen Euro. Aus dem Verkauf einer Fernsehlizenz für einen reinen Kinofilm erzielen sie nur einen Bruchteil davon. So große Projekte sind ohne das Fernsehen heute nicht mehr realisierbar. Die Idee dieser Konstruktion hat Bernd Eichinger bei teamWorx entdeckt. Wir hatten den "Tunnel" als Zweiteiler gemacht für Sat.1. Im Ausland hat sich der Film im Kino gut verkauft. Aus dem Gedanken, beide Verwertungen zusammenzufügen, ist dann die Finanzierung des "Untergang" entstanden.

Solche Finanzierungsmodelle könnte man doch leidenschaftslos betrachten...

Mich erstaunt, mit welcher Härte die feuilletonistische Kritik auf Produktionen wie etwa die "Buddenbrooks" von Breloer einschlägt mit der Begründung, der Film sei so geworden, wie er ist, weil das Fernsehen ihn finanziert hat. Oder es wird geschrieben, die Dramaturgie von "Anonyma" sei vom ZDF bestimmt. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Regisseure wie Heinrich Breloer oder Max Färberböck denselben Film gedreht hätten, wenn kein Fernseh-Zweiteiler geplant gewesen wäre. Auch ohne Fernsehbeteiligung wären "Anonyma", "Buddenbrooks" oder "Untergang" geworden, wie sie sind. Es ärgert mich, wenn so getan wird, als würden vom Fernsehen quasi als der untersten Etage des deutschen Kulturlebens die Regisseure verdorben.

Bei älteren amphibischen Filmen wurden dieselben Szenen für Kino und Fernsehen getrennt gedreht. Heute ist das nicht mehr so.

Da stimme ich Ihnen zu. Aber es hat in den letzten zwanzig Jahren eine Entwicklung beim Fernsehen stattgefunden. Das sehen Sie an "Mogadischu". Für dieses "Fernsehspiel" haben wir mit der ARD sechs Millionen Euro ausgegeben. Da bewegt man sich schon qua Finanzierung im Kinobereich. Bei großen Filmen kann das Fernsehen nicht mehr "billiger" sein als der Kinofilm.

Das kulturkritische Ressentiment gegen das Fernsehen wirkt etwas anachronistisch. Heute ist das Fernsehen, das sich großer Erzählstoffe annimmt, doch selbst schon bedroht.

Das stimmt. Aber im Fernsehen hat eine Entwicklung stattgefunden, die auch größere künstlerische Radikalität als früher zulässt - anders ist eine Regiekarriere wie Dominik Graf nicht erklärbar. Es wird beim Fernsehen nicht immer zugunsten der Quote entschieden.

Über Quotenfixierung sollte man auch bei den Zeitungen eine Debatte führen...

Das Publikum ist immer stärker fragmentiert. Ein Erfolg wie die 13 Millionen Fernsehzuschauer für "Die Flucht" vor zwei Jahren wäre heute schon schwer zu wiederholen. Die Dinge verändern sich rasend schnell. Sollen wir dem hinterherhecheln? Nein. Ich habe mit Thomas Bellut vom ZDF lange gesprochen über die poetisch-realistische Verfilmung von "Vom Glück nur ein Schatten" nach den Erinnerungen von Uwe-Karsten Heye, bei der Maria Furtwängler die Hauptrolle spielen wird. Wird das "Die Flucht II" ? Nein, das kann es nicht werden. Und wir reden dann auch nicht mehr von 13 oder 14 Millionen Zuschauern.

Auf was aus dem Hause teamWorx kann man noch gespannt sein?

Es gibt ein hoch riskantes, aber spannendes ZDF-Projekt mit dem Arbeitstitel "Unsere Mütter, unsere Väter". Es hat die Biografien von fünf jungen Menschen zwischen 1938 und 1948 zur Grundlage. Da fließt von mir viel Privates und Familiäres ein, es geht um die Generation meiner Eltern. Eine andere riskante Sache ist das Projekt "Die Grenze", ein Stück kontrafaktischer Geschichtserzählung. Die Mauer wird wieder gebaut. Es gibt wegen einer schweren Wirtschaftskrise eine bürgerkriegsähnliche Situation in Deutschland. Was die Krise angeht, müssen wir schauen, dass das Drehbuch nicht von der Wirklichkeit überholt wird.