Ausstellung

Der Papst, der nicht schwieg

Eine der schönsten Straßen Berlins heißt nach ihm - doch präsent im Bewusstsein der Öffentlichkeit ist Eugenio Pacelli, besser bekannt als Pius XII., eigentlich nur als "Papst, der geschwiegen hat", oder gleich als "Hitlers Papst".

Gut fünfzig Jahre nach seinem Tod und knapp sechzig Jahre nach der Umbenennung der Cecilien- in Pacelliallee versucht ab morgen das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaft, dem übel beleumundeten Oberhaupt der römischen Kirche im Schloss Charlottenburg Wahrhaftigkeit widerfahren zu lassen.

Die Ausstellung überwiegend aus Fototafeln heißt nach einem Jesaja-Wort "Opus Iustitiae Pax" ("Friede ist das Werk der Gerechtigkeit") und war vor Berlin nur im Vatikan zu sehen. Es ist angemessen, dass gerade die Bundeshauptstadt ausgewählt wurde, denn die Biografie Pacellis (1876-1958), sein diplomatisches Wirken und seine Demontage sind eng verknüpft mit Berlin. Für die Station in Charlottenburg, veranstaltet in Kooperation mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, ist die Ausstellung deshalb um ein Kapitel "Pius XII. und Berlin" ergänzt worden.

Wohl keine historische Figur von Weltrang ist in so kurzer Zeit nach ihrem Tod vom geachteten Vorbild zum Verdammten geworden. Das lag an dem Drama "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth, das am 20. Februar 1963 in der Freien Volksbühne Weltpremiere hatte. Das Stück ist eine einzige Anklageschrift, die um das Schicksal des fiktiven Priesters Riccardo Fontana kreist sowie um den Versuch des gläubigen Christen und SS-Offiziers Kurt Gerstein, den Massenmord an Europas Juden durch gezielte Informationen an den Vatikan zu sabotieren. Fontana dringt in dem Stück zum Papst vor, doch der - tut nichts. Darauf lässt Hochhuth den verzweifelten Jesuiten schimpfen: "Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, aus Staatsräson, der sich nur einen Tag besinnt, nur eine Stunde zögert, die Stimme seines Schmerzes zu erheben zu einem Fluch, der nach den letzten Menschen dieser Erde erschauern lässt: Ein solcher Papst ist ein Verbrecher."

"Der Stellvertreter" war stets umstritten und gehört doch zu den wirkungsmächtigsten Dramen der Literaturgeschichte: Fast im Alleingang zerstörte der Dramatiker Rolf Hochhuth das hohe Ansehen des Papstes. Da der Vatikan zudem in seiner Gegenstrategie äußerst unglücklich agierte, hat sich die Behauptung vom "Papst, der schwieg" in der Öffentlichkeit weitgehend durchgesetzt.

Dabei zeigt die Ausstellung, die nahezu vollständig im Begleitband abgedruckt ist, dass die Vorwürfe gegen Pius XII. ist weiten Teilen unberechtigt sind. So sprach der Papst in seiner Weihnachtsbotschaft 1942 von den "Hunderttausenden, die ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind". Die Gestapo beurteilte diese Äußerung in einem internen Bericht eindeutig: Der Papst habe in seiner Rede "seinen grundsätzlichen Gegensatz und seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus" bekundet - "auch wenn er seinen Namen nicht nennt". Außerdem zeigt die Ausstellung, dass Klöster in Italien nach dem Einmarsch der Wehrmacht tausende Juden aufnahmen und so vor der Deportation bewahrten.

Natürlich ist die Schau, initiiert von Benedikt XVI., keine "objektive" Darstellung, sondern dem Vorgänger auf dem Stuhl Petri gegenüber positiv gestimmt. Eine apologetische Tendenz ist durchaus zu spüren. Doch zugleich ist die hier gezeigte Sicht des umstrittenen Papstes bei weitem vollständiger als das radikal vereinfachte Zerrbild Hochhuths. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Wo genau, müssen Historiker freilich erst noch herausarbeiten.

Schloss Charlottenburg , Neuer Flügel, bis 7. März. Mittwoch bis Montag 10-17 Uhr. Katalog 24,90 Euro

Mehr Informationen und Bilder zu Papst Pius XII unter www.morgenpost.de/kultur