Stolz der Nation

Eine kleine Zweizimmerwohnung mitten in München. Die Tür wird von Maja Plissezkaja und dem Komponisten Rodion Schtschedrin geöffnet, einem Künstler-Ehepaar, das ein Stück russischer Ballettgeschichte geschrieben hat. "Wir haben eine Wohnung in Moskau und ein Haus in Litauen, die präsentabler sind", erklären die Gastgeber. In München ist es eine typische Künstlerwohnung, mit kleinem Konzertflügel und großen Bücherregalen.

Maja Plissezkaja sieht immer noch aus wie eine Tänzerin "in Form". Gerade war sie in Moskau bei der Präsentation ihres neuen Bildbandes, und sie hat auch wieder getanzt. Normalerweise verabschieden sich Ballettänzer mit 35 Jahren von der Bühne - Maja Plissezkaja hat es bis heute nicht geschafft, obwohl sie 1988 und in den folgenden Jahren weltweit die Bühnen mit "Abschiedsvorstellungen" und "Plissezkaja-Abenden" betanzte.

Ihre berühmtesten Rollen waren die Odette-Odile in "Schwanensee" und der "Sterbende Schwan". Das ist ihre Glanzrolle, die hat sie mehr als 800mal getanzt. Ein weniger lyrisch, sondern kämpferischer Schwan - es paßt zu ihrem Leben.

Maja Plissezkaja ist die Tochter eines 1938 in Stalins Auftrag erschossenen Industriellen. Ihre Mutter, eine jüdische Schauspielerin, wurde als Frau eines "Volksfeindes" für viele Jahre nach Kasachstan deportiert. Maja Plissezkaja wuchs in Moskau bei verschiedenen Verwandten auf. Mit neun Jahren wurde sie in die Ballettschule aufgenommen, mit elf Jahren stand sie zum ersten Mal in "Dornröschen" auf der Bühne des Bolschoi-Theaters. "Die Kunst hat mich gerettet", sagt Maja Plissezkaja über ihre Kindheit, "ich habe mich aufs Tanzen konzentriert und wollte immer nur, daß meine Eltern stolz auf mich sind." Sie hat es geschafft, von einem Kind des "Volksfeindes" zum Stolz der Nation zu werden. Aber sie erzählt schmerzvoll über die damalige Theaterdirektion und die Überwachung durch den KGB, ihre endlosen Versuche, sich bei der Regierung Klarheit über ihre Familie zu verschaffen.

Einerseits war sie das Vorzeigemodel der Sowjetunion, wurde ausländischen Gästen gezeigt, ihre Vorstellungen waren immer ausverkauft, andererseits durfte sie lange nicht im Ausland gastieren. Später dann drohten Repressalien. "Deswegen bin ich auch nicht im Westen geblieben", sagt Maja, "mein Mann und meine Familie waren in Rußland und ich wußte, was sie erwarten würde, wenn ich nicht zurückkäme."

Als 1960 Galina Ulanowa zurücktrat, wurde Maja Plissezkaja aufgrund ihrer brillanten Technik und Schauspielkunst als Primaballerina assoluta des Bolschoi gefeiert. Ihre große Karriere begann. Sie hat alle Rollen des klassischen Balletts getanzt - einmal auch vor Stalin zu dessen Geburtstag. "Ich hatte Angst und war sehr aufgeregt", erklärt Maja, "der Boden war sehr glatt im doppeltem Sinn des Wortes. Ich habe immer wieder ins Publikum geschaut und gedacht, wer von denen ist für das Unglück meiner Familie verantwortlich?"

Ende der sechziger Jahre gastierte Maja Plissezkaja in der Bundesrepublik, 1976 wirkte sie bei der Einweihung des "Palastes der Republik" im Osten Berlins mit. 1987 arbeitete sie in Koproduktion mit Roland Petit für "Ma Pawlowa" mit dem Tanztheater der Komischen Oper in Berlin zusammen.

Die Plissezkaja gilt als rebellischer Charakter. So setzte sie - gegen heftige Widerstände - am Bolschoi-Theater moderne Choreographen durch und tanzte die neuen Stücke selbst. Rußland verdankt ihr die Kunst Roland Petits und Maurice Béjarts. Bereits 1961 tanzte Maja Plissezkaja die Uraufführung der Bejart-Version von "Bolero".

Seit 46 Jahren ist die Tänzerin mit dem Komponisten Rodion Schtschedrin verheiratet. Sie verzichtete in ihrem Leben auf das Glück der kinderreichen Familie. "Ich war einmal schwanger", sagt sie ungeniert, "und wir haben uns überlegt, was jetzt sein soll. Ich stand kurz vor einer Reise. Lange Zeit hatte ich ja ein Ausreiseverbot. Und so war ich froh, daß sich die Situation nach all den Querelen, den Briefen und Bitten entspannt hatte. Rodion und ich haben uns schließlich für die Kunst entschieden".

Jetzt, mit ihren fast 80 Jahren gibt Maja Plissezkaja immer noch Meisterklassen und ist weltweit ein gefragter Pädagoge. "Natürlich sind meine Sprünge nicht mehr so hoch", gibt sie zu, "aber die alte Kraft spüre ich immer noch."