Endlich wieder 18

Schwingt da etwa ein bißchen Selbstmitleid mit? Oder singt sich hier einer einfach die flott gereimte Antithese zum gängigen Rock-'n'-Roller-Motto von Sex und Drugs und Rock'n'Roll von der Seele? Ist nämlich nix mit völlig enthemmten Groupies, die am Backstage-Eingang Schlange stehen. Und mit wilden Parties in sündhaft teueren Edelsuiten erst recht nicht. Nein, Rock'n'Roll ist ein einsames Geschäft. Wenn es dann doch mal an der Hotelzimmertür klopft, ist's nur der Zimmerservice.

So erzählt es uns Bryan Adams in seinem neuen Song "Room Service". Aber es bleiben ja immer noch diese zwei Stunden im Rampenlicht, die aufgedrehten Gitarrenverstärker im Rücken, ein enthusiasmiertes Publikum vor sich. Da ist Bryan Adams in seinem Element. Den Song vom "Room Service" hat er an den Anfang seines Berlingastspiels in der Max-Schmeling-Halle gesetzt. Und vom ersten Akkord an ist er jedem einzelnen in der riesigen Halle so nah wie der Kumpel am Kneipentresen gleich neben der Jukebox.

Erinnert auf seltsame Weise ein wenig an "Won't Get Fooled Again" von den Who, dieses "Room Service". Wie überhaupt vieles immer an etwas erinnert bei Bryan Adams. Wahlweise an John Lee Hooker oder Bruce Springsteen oder einfach an irgendeine ganz bestimmte laue Sommernacht, in der es auf dem Rücksitz funkte und im Autoradio die Robin-Hood-Hymne "(Everything I Do) I Do It For You" raschelte. Jede Menge Erinnerungen sind es, die Song für Song in das altersmäßig bunt gemischte Publikum fahren. Und sie alle haben mit dieser robusten Reibeisenstimme zu tun, die sich auf gefühlsbewegte Balladen ebenso versteht wie auf breitschultrigen, breitbeinigen Kraftrock. Man will die neuen Stücke nicht wirklich hören. Obwohl - "Room Service", der Titelsong der aktuellen CD, ist auf charmant altmodische Weise eingängig. Und "Open Road" das als zweite Novität folgt, scheint die ganze überwältigende Weite des amerikanischen Westens mit großem Freiheit-und-Abenteuer-Atem aufzusaugen. Und dann passiert es. Dann wird Bryan Adams, der 45jährige Sänger, der professionelle Filmmusik-Lieferant und semiprofessionelle Fotograf, zu diesem übermütigen Kindskopf, den alle so lieben und manifestiert zu rauhen Gitarren-Riffs den Willen zur ewigen Jugend in "18 Til I Die". Tausendfach wird der Refrain zurückskandiert. Mit seiner routinierten Vier-Mann-Band im Rücken scheint er uns Unschuld und Aufruhr der Jugend zurückgeben zu wollen.

Bryan Adams zelebriert den Mythos vom ehrlichen, erdigen Handwerker. Und man nimmt es ihm im Konzert auch tatsächlich ab. Das ist es, was einen Popstar ausmacht. Selbst jene, für die sich Bryan Adams zum Rock'n'Roll verhält wie Andre Rieu zu Wiener Strauß-Walzern, kennen dennoch seine Millionenhits, ob "Run To You", "Summer of '69" oder "The Kids Wanna Rock". Die Fans vor der Bühne kennen sie auswendig.

Obwohl man natürlich weiß, wie einstudiert und ausgetüftelt solch eine Tourneeshow nun mal ist, spürt man doch die Energie und den Spaß, mit dem diese Musiker zu Werke gehen. Er holt auch wieder ein Mädchen aus dem Publikum zum Mitsingen auf die Bühne. Sie heißt Maxi, kommt aus Berlin, ist ganz aufgedreht und darf mit Bryan Adams "Baby When You're Gone" im Duett singen. Lächelnde Gesichter spornen sie von unten an.

Die neue Platte übrigens ist im Laufe der vergangenen Jahre tatsächlich in Hotelzimmern entstanden. Auf Tournee. Mit einem mobilen Aufnahmestudio und einer Internetverbindung zum Toningenieur in Vancouver. Moderne Zeiten. "Not Romeo, Not Juliet" flicht er noch ein ins Live-Repertoire. Ansonsten bleibt es bei einer Best-of-Bryan-Show und die Adams Family in der Max-Schmeling-Halle ist nach gut zwei Stunden ganz aus dem Häuschen. Und alle sind für einen nostalgieseligen Moment wieder 18.