Herrenabend mit Piano: Berliner Hymnentafel feiert 30. Geburtstag

Ein spärlich beleuchteter Raum mit großem ovalen Holztisch, Flügel und Bücherregal. Wie jeden Mittwoch versammeln sich hier in Schöneberg acht "bessere ältere Herren" in einem Berliner Zimmer. Kurze Begrüßung, dann vertiefen sich manche in die Noten, während andere still ihre Gedanken schweifen lassen. Die "Berliner Hymnentafel" trifft sich zu einer ihrer letzten Proben vor dem dreißigjährigen Chorjubiläum.

Vor jedem Chormitglied liegt ein dicker Aktenordner mit Notenblättern, an denen man den Lauf der Zeit ablesen kann. Zwischen neueren Kopien finden sich vergilbte Matrizen aus der Anfangszeit des Männerchors. Jedes Blatt trägt die Spuren akribischer Chorarbeit: hier ist eine Betonung mit Bleistift vermerkt, dort sind zwei Silben mit einem Kringel zusammen gezogen.

Nach einiger Zeit drängt Dirigent Werner Kotsch zum Singen. Der Flügel setzt ein, und angetrieben vom enthusiastischen Kotsch intoniert die Runde den Schlager "Die besser'n älter'n Herr'n". Wie so häufig singen sie den Text mit Augenzwinkern, aber aufmerksam für jeden Ton. Immer wieder läßt der ehemalige Musiklehrer Kotsch Passagen wiederholen bis auch kleinste Feinheiten stimmen und die Melodie leicht dahinfließt.

Begonnen hat alles 1974 mit der musikalischen Eröffnung der Ausstellung "Aspekte der Gründerzeit" in der Akademie der Künste. Anfangs sang der Chor ein Programm aus "vaterländischen Gesängen" der Romantik und setzte damit die Tradition der im 19. Jahrhundert gegründeten Männerchöre "Berliner Liedertafel" und "Neue Berliner Liedertafel", in dem E.T.A. Hoffmann federführend war, fort. In der Besetzung "12 Herren und ein Piano" sangen sie Stücke von Schumann, Brahms und Schubert. Ein Höhepunkt war die Uraufführung des Singspiels "Das Brandenburger Thor" von Giacomo Meyerbeer.

Über die Lieder der Arbeitersolidarität arbeitete sich der Chor immer weiter in das letzte Jahrhundert vor, bis zu den Schlagern der zwanziger und dreißiger Jahre. Kotsch sammelt Hefte aus dieser Zeit, in denen die Lieder mit Texten und Noten abgedruckt sind. In den zwanziger Jahren zierten deren Titelseiten unter anderem Zeichnungen verrucht aussehender Paare beim Tango.

"Zuerst inspiriert mich der Titel eines Liedes", sagt der Dirigent, "wenn er witzig oder interessant klingt, steige ich über den Text in die Noten ein." So findet er Perlen, wie etwa im aktuellen Programm den Schlager "Amalie geht mit 'nem Gummikavalier ins Bad" aus dem Jahr 1927. Ein Stück, das Kotsch, wie viele andere auch, für den Chor neu arrangiert hat. Solcher Ausgrabungen wegen werden die Sänger von ihren Fans geliebt und gefeiert.

In der Zukunft wird sich die "Berliner Hymnentafel" weiter der eigenen Jugend annähern und vermehrt Schlager aus den fünfziger Jahren bearbeiten. Die Schlager bestimmen auch das Programm zum dreißigjährigen Geburtstag. Durch den Abend führt in "starckdeutscher" Manier der Maler Matthias Koeppel.

Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek, Potsdamer Str. 35, Tiergarten. Termine: Heute und morgen, 20 Uhr.

Dirk Plamböck