Im Briefkasten mit Kafka

Wäre der begeisterte Briefeschreiber Franz Kafka leitender Postfunktionär in Berlin gewesen statt leidender Versicherungsangestellter in Prag, hätte ihn diese Nachricht aufschreien lassen: "Nächste Leerung: Nie" steht auf jenem Betonbriefkasten, den die Künstlerin Sylvie Boisseau morgen in der Gropiusstadt installiert. Menschen, denen daran liegt, ihre Sendungen erfolgreich auf den Weg zu bringen, sollten die Warnung ernstnehmen. Denn das als Transitdepot drapierte Kunstobjekt wird bis März 2005, wenn sein Inhalt der Museumsstiftung Post und Telekommunikation zugeht, weder geöffnet noch geleert. Zugedacht ist der Kasten nämlich Briefen, die ihre Empfänger nicht erreichen sollen - etwa aus plötzlicher Absendungsscheu ob allzu schwül formulierter Liebesbekundungen. Dafür wiederum hätte Herr K. Verständnis gehabt: "Geschriebene Küsse werden von Gespenstern getrunken", schreibt er in einem Brief an die Verlobte Felice. Das durstigste Gespenst wartet in der Gropiusstadt.