Für immer wie heute

Im Märchen ist alles ganz einfach. Das Gute ist hell, das Böse dunkel, die Hexe schwarzhaarig, die Prinzessin blond. Im wahren Leben übernimmt die Blonde schon mal den Part der Dunklen. Und die Dunkle wird plötzlich blond. Marianne Rosenberg liebt dieses Spiel mit der Veränderung. Man kannte sie mit kurzem Stachelhaar, mit Locken und mit glatter Mähne - aber so radikal war der Wandel noch nie. "Ich bin mein Leben lang in schwarz gegangen", sagt sie, "ich hatte die Nase voll."

Nun also blond. Was irgendwie so ist wie Nana Mouskouri ohne Brille. Aber immerhin konnte Marianne Rosenberg immer mit mehreren Rollen spielen - von der Diva über die Schlagerprinzessin bis zur Schwulen-Ikone - was sie gerne mit glamourösen Kostümen vom gleißenden Weiß bis zum mystischen Schwarz-Rot betont hat.

Schwarz ist im Moment out für die Sängerin, die heute im Tempodrom ihr neues Album "Für immer wie heute" vorstellt. Blonde haben wirklich mehr Spaß, hat sie gemerkt. "Die Leute sind viel freundlicher und drehen sich häufiger um", sagt die Wahlblondine. In ihrer dunklen Zeit wurde sie viel seltener angesprochen oder nach dem Weg gefragt. "Verrückt, was?"

Halb ausprobiert hatte sie das mit Blond schon mal vor vier Jahren, als sie für das Album "Himmlisch" blonde Tressen trug. Zwei Tage und reichlich Nerven kostete es schließlich, sämtliche Haare blond zu färben. "Schwarze Haare können ausfallen, wenn man sie blondiert", erzählt Marianne. Was dem schuldigen Friseur vermutlich zu Alpträumen verholfen hätte.

Mit "Für immer wie heute" hat die Sängerin ein Stück Vergangenheitsbewältigung betrieben. Jahrelang hatte sie keinen Zugang zu den Liedern, die sie als schüchterner Teenager in der Hitparade gesungen hatte. "Mit 22", erinnert sie sich, "wollte ich nicht mehr von diesem Mädchen singen, das den Männern hinterherhechelt, die es sowieso nicht bekommt. Diese Songs hatten 30-jährige Männer geschrieben, die sich vorgestellt haben, wie ein Mädchen empfindet."

Sie schlug die Tür hinter sich zu. Lernte Marianne Enzensberger kennen, begegnete den Einstürzenden Neubauten, Annette Humpe und Rio Reiser. Trat mit Extrabreit-Sänger Kai Havaii als "Duo Infernal" auf. Und lernte, sich durchzusetzen. "Ich war erst 14, als ich in dieses Business kam, war schüchtern und naiv - ich mußte lernen, Nein zu sagen."

Das sagte sie denn auch, als Mitarbeiter auf die Idee kamen, die alten Hits neu aufzunehmen. "Mir war nicht einsichtig, warum ich das tun sollte - es gab doch die Stücke, und die waren gut so, fand ich." Eine Tournee aber wollte sie machen, mit all den Hits, die die Leute auch bei ihren Chanson-Konzerten hören wollen. Und sie ertappte sich selbst, als sie bei einem Barry-White-Konzert ungeduldig auf "The first, the last, my everything" wartete. "Als er es sang, bin ich auf einen Stuhl geklettert und war so glücklich, weil ich mich an meine Teeniezeit erinnerte. Ich wollte, daß er es genauso singt, wie ich es kenne." Da sei ihr klar geworden, warum die Leute auch ihre Lieder festhalten. "Es ist die Sehnsucht nach einem Stück Unvergänglichkeit."

Aber alles neu aufnehmen? Den Ausschlag gab schließlich die Überlegung, Musiker wie den Cher-Produzenten Brian Rawling, Mousse T. und die Söhne Mannheims für das Album zu gewinnen. Was ziemlich einfach war, denn Mousse T. und die Söhne outeten sich als Rosenberg-Fans. Zusammen möbelten sie die Stücke auf, verpaßten ihnen Sprechgesang, Techno-Beats, Synthesizer-Klänge und originelle Arrangements.

Bei den Texten war das schwieriger. Schließlich waren die einst für eine 15-Jährige geschrieben worden. "Wie singt man", sinniert Marianne, "ein Lied wie ,Fremder Mann', wenn man diese Naivität nicht mehr hat und die Liebe inzwischen kennt?" Bei einigen Stücken fiel es ihr leicht, mit anderen quälte sie sich, viele verwarf sie. Aber die Faszination hatte sie gepackt: "Je mehr ich in der Arbeit drin war, desto mehr habe ich dieses Mädchen von damals getroffen. Und gemerkt, daß es gut war, sich noch mal umzudrehen und die Tür nicht zugeschlagen zu lassen."

Deshalb hielt sie sich auch zurück, die Texte sehr zu verändern. "Einige Songs fand ich irgendwann nur noch banal. Aber man kann da keine künstliche Intelligenz reinbasteln. Und ich wollte mich nicht über diese junge Frau erheben und sagen, es war kompletter Blödsinn, was du damals gesungen hast."

Tempodrom, Möckernstr. 10, Kreuzberg. Tel.: 69 53 38 85. Heute, 20 Uhr.