Bach war kein Einzelgänger

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Wie sonst könne man gleichzeitig Schmerz und Freude empfinden, sagt Daniel Barenboim im Gespräch. Diese Qualität von Musik schätze er im zunehmenden Alter immer mehr. Barenboim, Jahrgang 1942, hatte als pianistisches Wunderkind begonnen. Mit Beethoven-Sonaten debütierte er siebenjährig in seiner Geburtsstadt Buenos Aires. In den Sechzigern spielte er mit Otto Klemperer Beethovens Klavierkonzerte ein. Mittlerweile gibt es von ihm mehr als 300 CDs - den gesamten Beethoven, den ganzen Brahms und viel Wagner. Jetzt wendet sich der Pianist einem anderen Großen zu: Johann Sebastian Bach. Volker Blech sprach mit Daniel Barenboim.

Berliner Morgenpost: Sie haben das "Wohltemperierte Klavier Buch 1" auf CD eingespielt. Warum kommt Bach so spät in Ihrer Laufbahn dran?

Daniel Barenboim: Wieso spät? Ich bin mit Bach aufgewachsen. Mein Vater hat an den Satz von Hans von Bülow geglaubt, wonach Bachs "Wohltemperiertes Klavier" das Alte Testament und Beethovens Klaviersonaten das Neue Testament in der Musik wären. Bach ist der Lehrmeister für die Unabhängigkeit der Finger. Wir haben zwei Hände, aber die haben Affen auch. Nur denkt man am Klavier nicht in zwei getrennten Einheiten. Entweder man spielt wie bei Liszt mit jenen über die Tastatur perlenden Arpeggien unbemerkt von einer Hand in die andere über. Oder man muß wie bei Bachs Fugen eine totale Unabhängigkeit der einzelnen Finger haben, damit sich die Themen im Zusammenklang nicht vermischen.

Das ist die technische Seite. Worin besteht die Bedeutung des Komponisten Bach?

Für mich war Bach der erste große Komponist, der eine historische Bedeutung hat. Es gibt viele, die eine schöne und perfekte Musik hinterlassen haben, aber genau genommen unbedeutend sind. Umgekehrt gibt es Komponisten, deren Musik zwar nicht perfekt ist, die aber Wegweisendes hervorgebracht haben. Ohne Mendelssohn wären wir um viele schöne Stücke ärmer, aber auch ohne ihn wäre die Musikgeschichte ähnlich verlaufen. Dagegen gäbe es ohne Berlioz keinen Wagner und damit wäre das ganze 20. Jahrhundert musikalisch anders verlaufen. Zurück zu Bachs Wohltemperierten Klavier: Die letzte Fuge im ersten Buch hat einen Chromatismus, der schon auf Wagner hinzeigt. Bach war ein Visionär.

Klavier ist ein irreführender Begriff. Damals spielte man Clavichord, Cembalo oder Orgel? Sie sind ein Pianist moderner Hightech-Flügel. Hatten Sie niemals Lust, historische Instrumente zu verwenden?

Clavichord habe ich nie gespielt, Cembalo schon. Ich kann mich auf modernen Klavieren einfach besser ausdrücken. Letztlich möchte ich die Fantasie wecken. Zumal Elemente der vollklingenden Orgelmusik in den Stücken stecken.

Hat es Sie als Interpreten nie gereizt, Orgel zu spielen?

(überlegt länger) Nein.

Die wohltemperierte Stimmung ist so etwas wie die Einigung VHS oder UMTS auf ein verbindliches System. Sie bot Bach die Möglichkeit, alle 24 Tonarten nacheinander durchspielen zu lassen. Gibt es für Sie eine Lieblingstonart?

Als junger Mann sprach ich einmal mit Rafael Kubelik darüber, der mich als erster darauf aufmerksam macht, daß die Stimmung im 19. Jahrhundert viel tiefer war als heute. Der Kammerton lag damals bei 438 Hertz, die Berliner Staatskapelle stimmt heute mit 443, die Wiener Philharmonikern sogar mit 447 ein. Dadurch klingt alles heller, glänzender. Was genau meinen wir also mit einem strahlenden, hellen C-Dur? Kubelik verband aber durchaus bestimmte Farben mit Tonarten wie gelb oder grün mit D-Dur. Ich glaube nicht an diese Farbtheorien, aber ich bin auch farbenblind.

Was ist dann der Höhepunkt im Zyklus?

Ganz ungeheuerlich empfinde ich beim Spielen die sich akkumulierende Kette der Tonarten. Es beginnt im C-Dur, und irgendwann beim h-Moll habe ich wirklich das Gefühl vom Ende. Das ist anders als in Ravels "Bolero". 15 Minuten wiederholt sich alles in C-Dur und genau genommen passiert doch nichts. Plötzlich kommt die Modulation in eine andere Tonart, und die Zuhörer haben das Gefühl, die Musik explodiert. Bei Bach wird dagegen konsequent die ganze Welt durchschritten.

Haben Sie einen Favoriten unter den Fugen und Präludien?

Nein, aber nachdem ich in den letzten Jahren das Wohltemperierte Klavier als Ganzes gespielt habe, würde ich sehr ungern nur drei oder vier Stücke allein im Konzert spielen.

Was war Ihre allererste Begegnung mit Bach?

Meine erste große Bach-Erfahrung war die "Matthäus-Passion" unter Wilhelm Furtwängler in Buenos Aires. Da war ich sechs oder sieben Jahre alt. Ich weiß nur noch, daß es ein erschütterndes Erlebnis war.

Sie selbst haben die "Matthäus-Passion" noch nicht dirigiert. Weil Bach damit auch ein antisemitisches Werk geschaffen hatte?

Nein. Ich hätte sicherlich Probleme mit seiner Johannes-Passion. Wegen des Textes, das muß ich zugeben. Aber den Antisemitismus des 17. Jahrhunderts kann man nicht mit dem Antisemitismus der Hitler-Zeit gleichsetzen. Das ist auch das Problem bei Wagner, bei dem man verstehen muß, daß Antisemitismus zum Profil eines Nationalisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte. Weder Wagner noch Bach waren in ihren Zeiten Einzelgänger.

Bachs "Matthäus-Passion" ist zweifellos auch eine faszinierende Musik?

Die "Matthäus-Passion" erinnert mich immer auch an jene Zeit, als der Dirigent Otto Klemperer gerade wieder zum Judentum konvertierte. Ich habe mit ihm gespielt und aufgenommen. Wir sind dann gemeinsam in London in die Synagoge gegangen. Dort habe ich ihn gefragt: Herr Dr., warum haben Sie sich erst vom Judentum entfernt und sind jetzt wieder zurückgekommen. Er antwortete, daß er als junger Mann ins Christentum gewechselt sei, weil er unbedingt die "Matthäus-Passion" dirigieren wollte. Er war besessen von dem Stück. In seiner Jugendlichkeit glaubte er, daß man Christ sein müsse, um diese Musik zu verstehen. Im Alter wußte er es besser.

Was haben Sie daraus gelernt?

Für mich zeigt es in erster Linie die Ehrlichkeit des Musikers Klemperer. Man spricht doch oft von einem ehrlichen Musiker. Aber was heißt das eigentlich? Das ist jemand, der die Musik nicht benutzt, um Eindruck auf die Menschen zu machen. Klemperer hielt es wie Spinoza, der in seiner Philosophie Gefühl und Logik voneinander trennen wollte. Nicht das Gefühl, sondern die Logik sollte bei Klemperer entscheiden. Er empfand etwa die Farben und Klänge des jungen Karajan als zu sinnlich. Klemperers Aufnahmen bestätigen einen fast steinernen Klang des Orchesters.

Die Musik hat sich weiter entwickelt. Kann man Bach heute, nach zweieinhalb Jahrhunderten, überhaupt noch neu entdecken?

Ich teile diese Beschreibung von Entwicklung nicht. Wenn im Sport heute jemand 100 Meter vier Sekunden schneller läuft als vor zwanzig Jahren, dann ist das eine Entwicklung. Mit der Concorde kommen sie schneller über den Atlantik als früher mit dem Schiff. Beide Male ist es das Ziel, schneller von einem Ort zum anderen zu gelangen. Entwicklung heißt für mich, auch besser zu werden. Das greift bei Musik nicht. Ich kann nicht behaupten, daß Wagner oder Boulez besser sind als Bach.

Sie analysieren und interpretieren Bach als Pianist und Dirigent. Kribbelt es nicht manchmal in den Fingern, selber zu komponieren?

Dafür habe ich keine Begabung. Ich werde auch oft gefragt, ob ich nicht unter modernen Mozart-Inszenierungen leide und es selber machen wolle. Ich hatte in meinem Leben das Glück, mit Patrice Chéreau zu arbeiten und zu sehen, was ein Regisseur leisten kann. Das würde ich mir nie zutrauen. Außerdem: Ich habe das Glück, mich in meinem Leben mit der größten Musik aller Zeiten zu befassen.

Nachtrag: Beim Hinausgehen bemerkt Daniel Barenboim, er habe ja gar nichts zur Interpretationsgeschichte erzählt und beginnt sofort mit Namen, Einspielungen, Werkanalysen. Dann macht er mittendrin eine Pause und schlägt vor, das Gespräch beim "Wohltemperierten Klavier Teil 2" fortzusetzen. Bach wird Barenboim nicht mehr loslassen.

Daniel Barenboim: Das wohltemperierte Klavier I (WarnerClassics).

Klavierabend mit Baremboim am 8. 11. um 20 Uhr in der Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten. Tel.: 826 47 27.