Im Orkus des Vergessens

Das Berliner Sinfonie-Orchester bietet mitunter seltsame Programme. Da wird erstmals seit etwa 100 Jahren wieder Giuseppe Martucci in Berlin gespielt, aber dann ist es ein schwächelndes 5-Minuten-Notturno, das uns von der Bedeutung des Komponisten überzeugen soll. Natürlich tritt das Gegenteil ein: Martucci, Oberhaupt der italienischen Anti-Verdi-Liga, verschwindet im Orkus des Vergessens. Und mit ihm seine ungespielten symphonischen Werke.

Zweiter Flop im Konzerthaus: Frederick Delius. Man kann nicht behaupten, daß er Besseres geschrieben hätte als die drei Verlaine-Lieder. Insofern wäre es unnötig, ihn überhaupt aufzuführen. Vielleicht wollte der Dirigent Gilbert Varga durch zwei besonders harmlose Randnummern Brittens "Les Illuminations" aufwerten. Das jedoch erledigten die Streicher des BSO auch so. Dank ihrer Fähigkeit, sich in tönende Holzbläser zu verwandeln. Der wundersamen Klangmixtur fügte Ruth Ziesak ihren berückend schönen, warmen Sopran hinzu - eine gelungene Darstellung der "Illuminations". Hauptwerk des Abends war indes Ravels 2. Suite aus "Daphnis et Chloe". Wie Varga den Tagesanbruch gestaltete - gleichsam lichtdurchflutet vom ersten Takt an und mit tausend glitzernden Orchesterstimmen -, stellte eine Ausnahmeleistung dar.

tar