Jazz: Amy Winehouse - Eine Lady auf Trampelpfaden

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Wenn man den CD-Titel "Frank" hört, denkt man zwangsläufig an Sinatra. Der ist schließlich so etwas wie der Schutzpatron der neuen Jazz-Welle, die derzeit so viele halbpubertäre Sangestalente an den Strand des Medieninteresses spült. Die Debütaufnahme der 21 Jahre jungen Amy Winehouse aus dem Norden Londons hat mit Ol' Blue Eyes allerdings überhaupt nichts zu schaffen. "Frank" muss man hier als Adjektiv lesen, dann bedeutet es "freimütig" und "ehrlich". So verhält es sich auch mit dem Booklet des Tonträgers, in dem ein geradezu pornographisch offenherziges Foto von Amys CD-Regal abgebildet ist. Miles Davis und Alicia Keys liegen da gemeinsam auf einem Stapel, ebenso wie The Roots und die Kompilation "Gospels, Spirituals & Hymns". Was für ein Mädchen ist das? Und was für eine Stimme? Dieses Gurren aus den Tiefen des Unterleibs, diese unberechenbaren Melodiegirlanden, die so klingen wie eine Mischung aus Mensch und Saxofon, aus Billie Holiday und Lester Young, - dies alles hat in England eine kleine Hysterie ausgelöst.

Der Tränenpalast ist bei ihrem ersten Auftritt in Berlin rappelvoll. Man will überprüfen, ob das, was im Radio rauf- und runtergedudelt wird, auch live so sehr die Sinne erregt. Eine einstündige, zugabenlose Talentprobe ist das Ergebnis. Winehouse hat sechs Musiker aus England mitgebracht, die die ausgesprochen ausgefuchsten R&B-Arrangements präzise blasen, zupfen und trommeln. Schnoddrig-unbeholfen bewegt sie sich über die Bretter. Sie lässt auch mal das Mikrofon fallen oder stochert sich in den Zähnen herum. Diese Lady ist ein Trampel. Aber genau das ist es, was Amy Winehouse von den neuen Einserschülerinnen des Soul unterscheidet. Dieses Mir-doch-egal-Gebaren verschreckt Oberstudienräte. Genauso wie die Texte, die sich über verweichlichte Susi-Männer oder blöde Wackelarsch-Tussen auslassen. Als Jazzsängerin mit HipHop-Fachwissen versteht sich Winehouse in erster Linie. Im Tränenpalast scheitert sie jedoch grandios an dem in Gedenken an Dinah Washington breiig zersungenen Standard "There Is No Greater Love". Ist aber keinesfalls schlimm. Frank und frei gesagt: Wer mit 21 schon so begnadet ist und trotzdem noch jede Menge Luft nach oben hat, von dem darf man noch einiges erwarten.

Josef Engels