Suche nach dem Mythos

Der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS) hat dezent den Diskurs über ein Deutsches Nationaltheater an der Schumannstraße eröffnet. Mit den Spielzeitmotto "Deutsche Stoffe" kommt ihm das Deutsche Theater dabei entgegen.

Es gab einmal eine Zeit, da sollte die Welt am deutschen Wesen genesen. Das ist lange her, auch wenn uns einige bei den jüngsten Landtagswahlen vom Gegenteil überzeugen wollen. Aber Hand aufs Herz: Muss das deutsche Wesen nicht erst mal selbst genesen? Wo doch das Land zwischen Rhein und Oder offensichtlich einem Sanatorium gleicht: Patient Deutschland.

Im Ausland spricht man von "The German Angst" oder "German Disease" - die deutsche Krankheit. Vor so etwas nimmt man sich besser in Acht. Es könnte ansteckend sein. Frische Luft soll ja schützen. Vielleicht hat der Intendant des Deutschen Theaters deshalb sein Ensemble zum Fototermin raus gescheucht: Tief hinein in den deutschen Wald. Auf der Suche nach dem Mythos. Nach Geschichte und Geschichten. Oder dem Gral. Oder Pilzen. Wir wissen es nicht genau.

Aber es illustriert hübsch das Spielzeitmotto: "Deutsche Stoffe". Das gönnt man sich am Haus an der Schumannstraße wieder. Leitsprüche waren in den letzten Jahren aus der Mode gekommen. Oft haftete ihnen etwas volkshochschulartiges oder parolenhaftes an. Aber in Zeiten kollektiver Sinnsuche kann man wieder auf sie zurückgreifen. Gerade weil sich unser kollektives Selbstbewusstsein umgekehrt proportional zum Gesundheitszustand des Patienten Deutschland entwickelt und unser neues Geschichtsbild sich derzeit vorwiegend in Untergangs-Filmen und kanzlergeweihten Kunstevents spiegelt.

Das Deutsche Theater "will es wissen", schreibt Intendant Bernd Wilms im quadratischen, praktischen Jahresheft, wo der Wald im Hintergrund so saftig grün und verlockend leuchtet. Dramaturg Bernd Stegemann hat dem Spielzeitmotto einen Essay gewidmet, in dem er einen großen Bogen von schlaflosen Dichtern, der deutschen Hydra, den deutschen Werten, Helden und Depressionen schlägt und damit den Weg zum Nationaltheater geistig ebnet. Einerseits. Andererseits möchte Bernd Wilms das Ganze nicht zu hoch hängen. Für ihn bedeutet das Motto "eine Bündelung der Kräfte", um eine Untersuchung zu betreiben, mit ungewissem Ausgang. Das klingt etwas bedenkenträgerhaft deutsch.

Beim Thema Nationaltheater, das in schöner Regelmäßigkeit von Berliner Kultursenatoren auf die Agenda gesetzt wird, wenn der Wunsch nach Bundes-Zuschüssen begründet werden soll, hält sich Wilms mit dem Hinweis zurück, dass die dahinter stehende Idee "rückwärtsgewandt" sei. Sie stammt aus einer Zeit, in der Deutschland in viele kleine feudalabsolutistische Staaten zersplittert war und das selbstbewusst werdende Bürgertum der höfisch-aristokratisch, französisch geprägten Kultur etwas Eigenes entgegensetzen wollte.

Die Lage hat sich in den letzten gut 200 Jahren verändert. Die Nation ist vereint, die fremdländische Dominanz eher ein Problem im Film- und Pop-Bereich, was die Diskussion um Quoten im Radio verdeutlicht. Die Stadt Mannheim hat aus diesen Veränderungen schon Konsequenzen gezogen: die erste deutsche Pop-Akademie gegründet und sich beim örtlichen Deutschen Nationaltheater des ersten Teils des Titels entledigt. Weimar hängt bei seinem Deutschen Nationaltheater noch daran. Die Stadt der deutschen Klassik pflegt ihre Tradition.

Und sogar der Berliner Kultursenator hat dezent - wie es sich bei diesem Thema für einen PDS-Mann gehört - den Diskurs über das Deutsche Nationaltheater an der Schumannstraße eröffnet. Mit den "Deutschen Stoffen" kommt ihm das Haus entgegen. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und dem gesellschaftlichen Selbstverständnis als zweijährige programmatische Basis. In dieser Spielzeit mit urdeutschen Stoffen wie "Faust", "Germania", "Minna von Barnhelm" und "Hermannsschlacht". Aber angekündigt werden auch "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", "Othello" und Feydeaus "Klotz am Bein" - der eigentlich kein Kommentar zu den Landtagswahlen im Osten sein kann. Und mit der geplanten Inszenierung von Noréns "Kälte" lässt sich nur mit dramaturgischen Verrenkungen ein Bogen zu Hartz IV schlagen.

Aber diese Einwände sind jämmerlich und mäkelig, also eindeutige Symptome der deutschen Krankheit. Wir müssen uns also im deutschen Wald an der frischen Luft kurieren. Vielleicht treffen wir dort die Schauspieler des Deutschen Theaters. Dann könnten wir sofort die Bildungsarmut und den Bewegungsmangel, das Ernährungs- und das Sprachdefizit bekämpfen.