Große Momente erfordern Sitzfleisch, Stehvermögen und Selbstbeherrschung

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Von Eckhard Fuhr

Diese Woche habe ich lauter große Sachen gesehen. Das fing in der Hotelrezeption in München an. In München tragen jetzt alle weiblichen Wesen Dirndl, weil Oktoberfest ist. Als mir die Empfangsdame den Zimmerschlüssel aushändigte, wusste ich, dass Größe das Thema der Woche sein würde. Zwar war das Hotelzimmer eher klein und imprägniert mit dem Schweißgeruch Tausender von Handlungsreisenden. Aber das störte mich nicht wirklich, denn ich hatte Großes vor. "Heimat 3" wartete auf mich, ein Zwölf-Stunden-Film. Die Premiere des letzten Teils der Trilogie von Edgar Reitz über das Hunsrückdorf Schabbach und Hermann Simon, der sich selbst in der Welt und der Kunst sucht und am Ende doch wieder nach Schabbach zurückkommt, fand im Prinzregententheater statt, dessen Bestuhlung eine große Herausforderung an das Sitzfleisch darstellt. Doch große Kunst hilft über manche Bedrückung hinweg.

Und so wurde ich denn wahrhaft ergriffen von diesem großen Werk, vergaß im Dunkel den erschütternd schönen Spätsommertag draußen und schleppte am Ende auch noch das größte Buch davon, das ich besitze. Es ist sechs Kilo schwer und enthält mehr als 3000 Standfotos der gesamten Heimat-Trilogie. Die Collection Rolf Heyne hat diesen Schatz gehoben, der sonst vielleicht im Archiv von Edgar Reitz geschlummert hätte. Als der Verlag dieses Buch vorstellte, blies ein großer Musiker auf einer Bassklarinette, die fast so groß war wie er selbst. Seine Haltung passte sich beim Spielen der s-förmigen Gestalt seines Instruments an, so dass er an eine gotische Heiligenfigur erinnerte oder auch an einen Posaunenengel, denn er blies die Backen auf, ein Meister der Atemtechnik: Er spielte, während er durch die Nase atmete, und entlockte, indem er sich selbst zum Dudelsack machte, der Bassklarinette einen endlosen Strom von Tönen. Michael Riessler heißt der Mann. Er hat einen Teil der Filmmusik zu "Heimat 3" geschrieben. Nach diesem Erlebnis großer Kunst drängte es mich, Einkehr zu halten in den gewaltigen Kathedralen des Bieres auf der Theresienwiese. Wo soll man, wenn alle Erdenschwere von einem abgefallen ist, in München anders hingehen? Dort zahlt man einen großen Preis für ein großes Maß und wird auf dem Weg von Spaten über Paulaner zu Löwenbräu wieder ein kleiner Statist im großen Welttheater. Im ICE von München nach Berlin waren die meisten Toiletten defekt. Da war dann wieder Größe gefordert.

Mit der Größe hatte es kein Ende, als der Zug im Berliner Ostbahnhof eingelaufen war. Wer kein Virtuose auf der Klarinette ist, muss schon manchmal nach Luft schnappen. Mir ging das so, als ich am nächsten Tag die Rieck-Hallen betrat, die Friedrich Christian Flick für seine Sammlung herrichten ließ, deren Präsentation wegen der Flick'schen Familiengeschichte wütenden Protest hervorgerufen hat. In dem neuen Ausstellungsgebäude fände der ICE fast Platz, in dem ich aus ganz unmusikalischen Gründen meine Atemtechnik zu optimieren suchte. Jedoch: Im Zug war Drang, in den Rieckhallen ist Kunst, gewaltig viel Kunst. Der Bundeskanzler war auch da. Zur Ausstellungseröffnung intonierte er eine politisch äußerst diffizile Melodie, ohne abzusetzen. Ich möchte nicht behaupten, dass er die Backen aufblies. Er sprach irgendwie so, dass er gleichzeitig durch die Nase atmen konnte, also ohne nach Luft zu schnappen. Auch das hat Größe, obwohl einem Gotik bei ihm nicht in den Sinn kommt. Aber wer möchte schon einen Posaunenengel als Regierungschef?

Sie sehen, liebe Leser, in dieser Woche habe ich wirklich Großes erlebt. Das ist etwas anderes, als wenn man nur in einem nicht eben großen Büroraum sitzt und sich das Hirn ausquetscht, das selten so voll ist wie die Blase nach einem Besuch auf dem Oktoberfest.