Kulturstreit um das neue Magazin-Format

Die Seitenstraßen der City-West sind gegen 19 Uhr fast menschenleer, ein kalter Wind weht durch die Stadt - wie das wärmende Feuer eines Herdes leuchten da die Lichter des Literaturhauses an der Fasanenstraße. An diesem Abend zieht es die Radiohörer hierher. Gut 120 haben sich im ersten Stock versammelt, um für ihr einstiges Lieblingsprogramm, die Kulturwelle, zu kämpfen. Denn das neue Kulturradio, das der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) seit dem 1. Dezember ausstrahlt, wärmt ihr Herz nicht mehr. "Schredderprogramm", hört man auf der Treppe.

Oben stehen, mit trutziger Miene, Wellenchef Wilhelm Matejka und Hörfunkdirektorin Hannelore Steer. Es ist nicht ihre Veranstaltung. "Wir sind hier vorgeladen", gibt Matejka seine Erwartung an den Abend wieder. Zur Diskussion hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels geladen. Auf dem Podium sitzen neben Matejka und Steer der Vorsitzende des Börsenvereins, Rainer Nitsche, Karl Corino, ein ehemaliger Literatur-Redakteur des Hessischen Rundfunks und Kulturmäzen Peter Raue.

Die Hörer vermissen die Sinfonien und Lesungen, die ausführlichen Theaterkritiken und CD-Besprechungen, Hintergrund zur gespielten Musik, die "Noten zur Literatur" - alles, was ihr einstiges Programm ausmachte. Ein "niveauloses Häckselprogramm" sei bei der Reform herausgekommen, ohne kulturelles Profil, die Ansagen der Moderatoren seien niveaulos, kritisiert Raue, und als er die Rubriken der Wortbeiträge eines x-beliebigen Sendetages im Eil-Tempo herunterrattert, klingt jede einzelne Nennung wie der Aufschlag eines Fallbeiles. Wumm. Das sitzt. Das Publikum ist begeistert. "Sie haben ein gutes Programm hinuntergeschraubt. Das lassen wir uns nicht gefallen", sagt Raue. Und überhaupt: "Wo ist eigentlich die Intendantin an so einem Abend?", fragt er scharf.

Dagmar Reim lässt sich vertreten. Auf einsamem Posten sitzen ihre Vertreter, der Wellenchef und die Hörfunkdirektorin. "Ihre Herzen sind vergeben. Ich appelliere an ihren Verstand", versucht Matejka eine Replik. Er führt die Quoten der alten Wellen an: Weniger als 0,9 Prozent Anteil im Durchschnitt, das seien etwa 30 000 Hörer, weniger als 12 000 Hörer zuletzt für die morgendliche Lesung. "Damit konnten wir uns nicht zufrieden geben", sagt er. Die Hörergewohnheiten hätten sich verändert: "Wer heute Radio hört, will tagsüber ein Magazin-Format. Im Radio hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden", sagt Matejka.

Überzeugen lassen sich die Hörer nicht. Im Raum sitzen sich zwei Lager gegenüber: Es ist, als ob das alte West-Berlin eine letzte Schlacht der Basis-Demokratie um die Programmbeteiligung schlage. Wer gekommen ist, will sein Programm wiederhaben, auch wenn es ein Minderheitenprogramm ist. Kleinlaut bittet Hannelore Steer um Verständnis dafür, dass Radio Hörer haben dürfe: "Wir müssen uns verjüngen. Sonst stirbt das Kulturradio ganz aus", wirbt sie. "Mit einer Niveauabsenkung gewinnen sie keine neuen Hörer, und sie vergraulen die gutwilligen", hält Raue dagegen.

Doch er beißt auf Granit: Die gesamte ARD hat ihre Kulturwellen in Magazinformate gegossen. Dagegen kommen auch die Kulturfreunde nicht an. "Ich glaube, wir sind eine aussterbende Hörer-Generation", sagt eine Besucherin. Karl Corino zitiert gar die Bibel, um für längere Beiträge zu werben: "Im Anfang war das Wort", beschwört er die Verpflichtung eines Kulturradios. Matejka hält ihm Karl Valentin entgegen: "Früher war sogar die Zukunft besser", zitiert er den Komiker. Darüber lacht keiner.