Bühne

Keine falsche Aktualisierung

"Wenn wir in 30 Jahren an einen Abend wie heute zurückdenken, erscheint er uns vielleicht unsagbar schön!" Dies sind die Worte eines 14-jährigen Jungen, der sich insgeheim, abseits der Erwachsenenwelt, mit seinem geliebten Schulfreund trifft und von diesem geküsst wird.

- Schon 34 Jahre liegt jene Aufführung von "Frühlings Erwachen" am Berliner Ensemble, diese späte Entdeckung Frank Wedekinds für die Bühnen der DDR zurück. Und noch heute ist manchen Besuchern am Schiffbauerdamm zumindest die Schlussszene der poetischen Inszenierung von B. K. Tragelehn und Einar Schleef vor Augen. Sie zeigte keinen öden Kulissenfriedhof, sondern bettete die Toten dieser "Kinder tragödie" auf rote Blumen und grüne Blätter, Versinnbildlichung reiner Natur.

Wedekind war 26, als er ohne festen Plan dieses Stück schrieb. Es handelt von jungen Menschen, die von den Eltern mit den Nöten ihrer erwachenden Sexualität allein gelassen werden. Mutter Bergmann redet um den heißen Brei und vom Klapperstorch - Tochter Wendla wird in ihrer Ahnungslosigkeit von dem aufgeklärteren Melchior Gabor schwanger und stirbt an den Folgen einer Abtreibung. Melchiors Freund Moritz Stiefel hält dem schulischen Leistungsdruck nicht stand; er nimmt sich das Leben.

Wedekind beklagte, nach der späten (und zensierten) Uraufführung bei Max Reinhardt in den Kammerspielen 1906 habe man das Stück immer als "bitterböse, steinernste Tragödie" und "Tendenzstück" gesehen und nicht als "sonniges Abbild des Lebens, in dem ich jeder einzelnen Szene an unbekümmertem Humor alles abzugewinnen suchte". Unbekümmertheit ist gewiss nicht Claus Peymanns Sache, aber er zeigt das Schauspiel in einem überwiegend heiteren Licht. Er lässt auf einer Bühne (Achim Freyer) mit drehbaren

Wänden spielen, die zum Kirchhof-Ende niederstürzen.

Die Jugendlichen werden mit ihren ungelösten bohrenden Fragen, ihren altklugen Vermutungen mit lebhafter Natürlichkeit, bei ihren onanistischen Verklemmungen aber auch mit ironischem Blick gesehen. Die Aufführung lebt von dieser Frische. Sabin Tambrea spielt einen nachdenklichen freundschaftlichen Melchior, Lukas Rüppel ist ein selbstquälerisch heiterer Sturmkopf Moritz. Die Erwachsenen wirken dagegen satirisch schraffiert. Swetlana Schönfeld gibt breithüftig das Inbild betulicher Mütterlichkeit, Lore Stefanek eine fortschrittliche Mutter, die sich bewegend gegen die autoritäre Strenge ihres Mannes behauptet, aber dann doch nachgibt und ihren Melchior einer Erziehungsanstalt ausliefert. Deren Milieu illustriert Peymann mit einer drastischen Nackt- und Glatzenszene.

Mag sein, dass Jugendliche längst andere Probleme (nicht nur) mit der Sexualität haben. Peymanns Inszenierung hält es mit dem "vermummten Herrn" (Wedekind spielte diese Rolle 1906 selbst), der Melchior vom Grab seines nun Kopf-losen Freundes für die Rückkehr ins Leben gewinnt. Keine falsche "Aktualisierung". Wedekinds Datierung gilt: "1892". Die Aufführung wirbt so heiter wie anrührend für Offenheit und Verständnis zwischen Eltern und Kindern. Hier grüßt das BE das Grips-Theater.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel. 28 40 81 55. Termine: 15., 18.12.

Frühlings Erwachen ++++-