Bühne

Schillers "Räuber" blutjung

Ob wohl Karl Moor gerne Lou Reed hört? Seine geliebte Amalia von Edelreich hat ihm endlich diese dringende Frage gestellt. Und Lars Eidinger ist darauf gekommen. Der Schaubühnen-Darsteller gibt jetzt mit Friedrich Schillers "Die Räuber" im Studio des Theaters sein Regiedebüt.

Der alte Moor ist der einzige "fertige" Schauspieler auf der Bühne. Der übergewichtige Papa der ungleichen Brüder Franz und Karl lagert in einer Wohnmulde vor dem Fernseher und hängt an Sauerstoffschläuchen. Nur gelegentlich kommt der bedauernswerte Schnarcher noch zu Bewusstsein. Vielleicht hätte er besser eine Patientenverfügung bei Schiller hinterlegen sollen. Sonst sind aber alle Figuren wirklich aufgeweckt jung: Eidinger inszeniert mit Studierenden des 3. Studienjahrs Schauspiel der Ernst-Busch-Hochschule. Wie aus der Schreckschusspistole kommt das Gelächter von Karls ausgelassenen Kommilitonen, bevor sie als Räuberbande ihr Unwesen treiben. Zerrissen zwischen gesellschaftlichen Idealen und selbstherrlichem Morden und Plündern, geben die verschiedenen Rollen reichlich Gelegenheit, darstellerische Charakterfarbe zu zeigen. Da hat die Aufführung Frische und Witz.

Die zweigeteilte Bühne gibt den Brüdern Gelegenheit, sich im Auge zu behalten. Eidinger hat lustig in alten Charts gekramt. So kommt es etwa, dass Franz, der schlimme Finger, mächtig zu Michael Jacksons "Bad" in Fahrt gerät. Sebastian Zimmler zeigt in dieser Aufführung starkes komödiantisches Talent. Er spielt die Kanaille lasziv, mit koketter Ironie und rasch sarkastischen Blicken. Nur den eingefleischten Nihilisten nimmt man ihm weniger ab. Den rhetorischen Emphasen und verzweifelten Lachanfällen seines menschenfreundlicheren und beneideten Bruders Karl hätten gelegentliche Bremshilfen vonseiten der Regie sicher gut getan.

Ob wir unbedingt Purcell vom Akkordeon hören müssen, wenn Amalia sich karaokig als Dido fühlt und den Tod als "welcome guest" begrüßt, ist Geschmacksache. Auch dass Eidinger seinem selbst schon oft bewiesenen Hang zur Körperentblößung treu bleibt und Franz in Unterhosen vorführt, folgt keiner dramaturgischen Notwendigkeit. Ohnehin fehlen der sonst sehenswerten, lebhaften Inszenierung am Ende klarer Gedanke und ein Ordnungssinn. Schillers übliches Finale, wo Karl eine soziale Tat leisten will, indem er sich der Justiz ausliefert, bekommt hier eine andere Wendung. Eidinger interessiert mehr das Drama der beiden auf unterschiedliche Weise verletzten Brüder als übergeordnete Moral.

Grob unfreundlich mutet allerdings die Entscheidung der Schaubühne an, ihre Premiere sogar noch nachträglich auf denselben Abend umzulegen, an dem eine andere Gruppe Schauspiel-Studierender desselben Jahrgangs im bat-Studio - der eigenen Bühne von "Ernst Busch" - mit Goethes "Faust I" ebenfalls Premiere hatte. Ebenfalls unter der Regie eines Schauspielers, Robert Gallinowski.

Schaubühne/Studio Kurfürstendamm 153, Charlottenburg. Tel. 89 00 23. Nächste Termine: Heute, 16., 21. u. 23. 12.