Der Schnee von heute

Es gehört zu Frank Castorfs Spezialitäten, Bücher zu recyceln, seien es nun Ikonen der Weltliteratur oder auch leichtere Werke. Pitigrillis "Kokain" gehört zur zweiten Kategorie, ist in seiner respektlosen Art jedoch höchst amüsant. Eigentlich.

Das Regal der Bücher, die Frank Castorf zu Theater recycelte, füllt sich. Neben Werken der Weltliteratur, von Dostojewskij oder Bulgakow, findet sich dort auch Trivialeres wie Robert Harris' "Vaterland"-Fiktion, die Nazis hätten den Krieg gewonnen. Als jüngste Lektüre reaktiviert Castorf jetzt einen kultigen Unterhaltungsroman aus dem Jahre 1922. Allein der Titel wirkt wie ein Signal und lässt selbst brave Volksbühnen-Bürger genüsslich an lasterhafte Ausschweifungen von aktuellen Personen des öffentlichen Interesses denken. Das Buch "Kokain" des jüdisch-italienischen Journalisten Pitigrilli (Dino Segre) ist mit seinen frechen Aphorismen, seiner zynisch respektlosen Welt- und Geschlechterbetrachtung ein hoch amüsantes Stück Leichtliteratur.

Noch 1988 setzte die Bonner Bundesprüfstelle Pitigrillis Roman kurzzeitig auf den Index, makabrerweise mit unübersehbaren Rückgriffen auf eine Entscheidung der nationalsozialistischen Reichsprüfstelle. Nur am Rande: Pitigrilli, der in den letzten Kriegsjahren nach Südamerika geflohen war, hat später seine eigenen frühen Arbeiten als "unmoralisch" abgelehnt.

Held des Romans ist der junge Redakteur Tito Arnaudi, der mit fantastisch erfundenen Reportagen Karriere macht. Die Droge dient als Synonym für doppelte Verfallenheit. Arnaudi ist gleichermaßen süchtig nach dem weißen Pulver wie nach den Frauen: der sündhaft reichen Armenierin Kalantan und der nymphomanischen "Fracktänzerin" Maddalena-Maud, seiner "Kokaina".

Zwar folgt Castorf in groben Zügen der Erzählung, aber das Raffinement der Satire und ihrer verrückten Aphorismen ist ihm ziemlich schnuppe. Den verfeinerten Humor legt er beiseite. Wer die Geschichte nicht kennt, kann sie hier bestenfalls noch ahnen. Dafür sorgt allein schon die vorsätzliche Schnoddrigkeit, mit der immense Textpartien akustisch ertrinken, mit hysterischem Gekreisch oder unter Masken erstickt werden. Unverständlichkeit als Methode. Castorf will auf ganz anderes hinaus.

Die rotierende Multifunktionsbühne des Installations-Künstlers Jonathan Meese setzt auf ihre Weise die lange Reihe der an der Volksbühne gewohnten Container-Gehäuse fort. Nur sehen wir diesmal eine geschlossene Untergangs-Szenerie. Einen dekonstruktivistisch fast schon abgesackten Bunker, auf dessen Dach neben Schloten auch kleine Vulkane aufragen. Die Wände sind zunehmend mit Kalauersprüchen bedeckt. Zum Schluss speien die Kraterchen putzig Feuer und Flamme. Es ist das alte Titanic-Bild der wegsackenden Zivilisation.

Einmal mehr zeigt uns Castorf das Geschehen als eine vermittelte Wirklichkeit. Viele Szenen werden per Video aus dem Off übertragen oder als Aufzeichnung projiziert. Die einzelnen Figuren werden keineswegs in charakterlicher Feinzeichnung vorgeführt, sondern als Panoptikum schriller Übertreibungen. Die Frauen (Kathrin Angerer, Jeanette Spassova) sind kreischende Kindmonster, ohne Anflug von mondäner Laszivität. Mauds Mutter (Silvia Rieger) agiert als hinkende Drogendealerin, die ihr Geschäft ausgerechnet und "dialektisch" für eine drogenfreie Welt betreibt. Der Chefredakteur (Hendrik Arnst) ist ein brüllendes bisexuelles alkoholgetränktes Fleischgebirge. In der Arnaudi-Rolle wird Marc Hosemann, trotz unübersehbarer Verletzungs-Bandage, viel abverlangt; der schillernde Dandy-Appeal soll sich aber gar nicht erst einstellen.

Großflächig laufen im Hintergrund Szenen aus John Boormans Science-Fiction-Film "Zardoz", in dem der Barbar Zed (Sean Connery) zivilisationskranke "Unsterbliche" erlöst. Nur wenige Zuschauer dürften das Fantasy-Lichtspiel kennen. Es gerät hier zur effektvollen optisch-apokalyptischen Garnierung. Ohnehin liefern die aufgedrehten Aktionen, Projektionen und der aus vielen musikalischen Quellen gespeiste Sound-Mix eher Vernebelung als Erhellung. Die Dramaturgie teilt mit, hier werde Kokain, vor dem Hintergrund der Demokratie, die als "transitorische historische Gesellschaftsordnung" "unter dem Druck der von ihr selbst geschaffenen Bedingungen nicht mehr lebensfähig ist", als "die kapitalistische Droge schlechthin" verstanden. Schnee von heute. Allerdings wird das Phänomen "Rausch" hier, etwa im Hinblick auf Konsumzwänge ("Geld durch Genuss vernichten") und vielfältige gesellschaftliche Überforderungen, kaum noch erkennbar.

Das Castorf'sche Theater will sich seinerseits als Droge präsentieren. Der Blick auf die Realität und ihre Wahrnehmung hat, auch als Reprise, starken Reiz und Unterhaltungseffekt. Trash regiert die (drei) Stunden. Flaschen gehen zu Bruch. Es wird nach Kräften gekotzt, per Video aus der rümpeligen Kulisse gibt es geturnte Sex-Pantomime und Abtreibung. Kokain zerstört auf Dauer die Schleimhäute. Im Theater fördern Wiederholung und Abhängigkeit gelegentlich Überdruss und ein nervöses Sitzfleisch. Was ehedem als Provokation oder Attacke wirkte, dreht sich im Leerlauf.

Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Tel.: 247 67 72. Nächste Vorstellungen: 3., 11., 13., 21., 22., 29. Februar, jeweils 19.30 Uhr.