Songs wie Faustschläge

Das Café Zapata ist randvoll mit Rauch und leeren Stühlen. Jungvolk mit Bier, Grinsen und angezogenen Augenbrauen hängt im Zweimetersicherheitsabstand vor der Bühne rum und starrt auf ein zierliches Wesen mit toupierten Haaren, einem BH aus Küchensieben plus grellgrünem Schleier. Das Wesen flötet "Peter hat'n Bilderbuchpenis" und zwinkert die Männer an. Die Männer schlucken.

Smatka, 20, Sängerin. Hinter ihr wirbeln zwei Gestalten in lila Lockenperücke und bearbeiten Gitarre und Bass. Skutnik, spekulativ um die 30, und Maria, 19. In ihrer Mitte thront ein glatzköpfiger Typ im Tanga. Igor - Bediener des Halbplaybacks, knackigster Hintern der Stadt. Die Luft vibriert. Es ist laut. Es ist schrill. Es ist der Overkill - Elektrobeats, Gitarrengeschrammel, Operettengeschrei - ein Mix aus Pornoperformance und quietschbuntem Kostümfest. Smatka schreit und das Publikum tuschelt, ob man gerade dem sexy Hype von übermorgen beiwohnen darf. In der Tat: Der wahnwitzige Kompott aus Peaches, Rockausbrüchen und Provokationslyrik geht in die Beine. Trash ist, wenn man trotzdem tanzt. Schnitt.

Am nächsten Tag, 13 Uhr, ein Kreuzberger Hinterhof, ein angeranztes Gartenhäuschen als Probenraum. Innen hängt das Mischpult an der Wand, eine dicke rote Katze gähnt, es duftet nach Villa-Kunterbunt-Harmonie. "Magst du einen Vanilletee?", fragt Smatka. Ihre Augen blitzen. Sie sieht aus wie eine Mischung aus Schneewittchen und Rapunzel. Draußen spielen die Nachbarkinder Fußball.

Dasselbe Mädchen, das gestern Titel wie "Spritzwitz" schrie, legt jetzt den Kopf schief, zupft ihren Rock zurecht und strahlt. Die Geschichte der Band Smatka Molot ist die Geschichte einer Wahlfamilie mit Farbtopfcharme. Ende 2002 lernten sich Weltenbummler und Musikproduzent Skutnik und Lebenskünstlerin Smatka kennen. Einige Riffs später schnappen sie sich Maria und stehen vier Tage später im dampfenden Spanien auf der Bühne. Sie ziehen zusammen in ein Haus, sammeln Künstler um sich und saugen Leben auf. Ihnen brennt die Lust unter den lackierten Fingernägeln - sie wollen wahre Geschichten erzählen. Skutnik sagt: "Bloß nicht so eine ich-bin-vernarrt-in-deine-blauen-Augen-Kacke. Wir wollen polarisieren!"

Auf der Demo-CD prangt: "SM sind Zigeunertum, Neosexismus und politisch moralische Aussagekraft". Darauf gepfiffen. Eine Stunde mit ihnen pustet den Kopf frei - und alle Vorurteile durcheinander.

Es geht ihnen darum, sich zu wehren, um den Zusammenhalt europäischer Künstler gegen Kulturimperialismus. Und darum zu teilen, weil man sonst fett wird im Kopf. Es geht um die flache Emanzipation der deutschen Frau, um Männer mit zu wenig Schwanz in der Hose und um Kinderschänder.

Smatka Molot spucken auf alle Schubladen, spielen im Zieh-dich-sexy-an-oder-besser-gleich-aus-Schuppen Kit Kat Club oder auf Motorradfreaktreffen. "Wir sind auf ne Art auch Hannes Wader", sagt Skutnik. "Traurigkeit muss nicht leise sein", sagt Smatka. "Die kann auch ohrenbetäubend laut sehr wehtun."

Sie sind ein Gesamtkunstwerk. Und sie haben einen romantischen Traum: "Musik, geh zurück zum Menschen." Herrje. Doch dann dröhnen sie los. "Let's shave together", singt Smatka und blickt mir in die Augen: "Unsere Philosophie, kapierste?" Vielleicht ist das das Geheimnis von Smatka Molot - dass sie es ernst meinen und dabei verdammt lustig klingen. Mit Songs, die wie Faustschläge ins Auge gehen. Hinterher ist die Welt bunt.

Smatka Molot live: "Weird Club" im Big Eden, Kurfürstendamm 202, Charlottenburg. Tel.: 882 61 20. 31. 1., 23 Uhr. Außerdem dabei: Cobra Killer, Krylon Superstar und Tensified Chaos.