Leidenschaft für den Anblick des Meeres

Ein Festabend der Entdeckungen. Im Konzerthaus trat im Rahmen des einzigartigen "young.

Ein Festabend der Entdeckungen. Im Konzerthaus trat im Rahmen des einzigartigen "young.euro.classic"- Festivals das Bundesjugendorchester auf. Ein prachtvoll homogenes Ensemble, dabei durch die Bank jünger als die bisherigen Konkurrenten. Das Alter liegt zwischen 14 und 20 Jahren. Zweite Überraschung: Mit Patrick Lange (26), vielfacher Assistent von Abbado, stellte sich ein junger Dirigent vor, der in sich alles vereint, was man nur wünschen kann: musikalische Einsicht, Ausdruckskraft und eingeborene Autorität. Patrick Lange weiß, was er will - und erreicht es: zartestes Klanggeglitzer und die losgetretene Klanglawine.

Um das zu zeigen, bot sich in seinem vielseitigen Programm reichlich Gelegenheit. Es begann mit Rossinis "Cenerentola"-Ouvertüre, gefolgt von Respighis "Fontane di Roma" und schloss mit Richard Straussens "Till Eulenspiegel". Dazwischen lagen Kompositionen von Bernd Alois Zimmermann und Alexander Muno (28), den das Festival beauftragt hatte, ein Stück zu schreiben. Eine glücklichere Wahl hätte man kaum treffen können. Annähernd 20 Minuten lang verkündete Muno seine vielschichtige Faszination durch das Meer, als habe es einen Debussy niemals gegeben.

Vier Episoden mit wechselnden Gesichtspunkten schließen sich aneinander. Muno schwärmt davon, wie süß die Liebe am Meeresstrand sein kann, vor allem wenn man ein Klavier dabei hat. Am Ende türmt sich die bewundernde Leidenschaft für den Anblick des Meeres hoch. "La mer en exstase" unter den Augen des Komponisten. So hat Muno sein sich am Ende majestätisch aufgipfelndes Werk genannt. Aus Munos Meer entsteigt am Schluss schier endloser Publikumsjubel.

Die Überraschung des Abends: Bernd Alois Zimmermanns aus Archiven spät erst aufgetauchte "Märchen-Suite" von 1950. Sie ist, anders als der Titel sagt, durchaus kein Märchenspiel. Sie ist weit entfernt von Zimmermanns späterem avantgardistischem Ungestüm, aber der "Ritt durch den Wald" etwa ist schon beängstigend ungestüm und furchteinflößend. Aber sind das, bei genauerer Betrachtung, die Märchen nicht allesamt?

Klaus Geitel