Theater

Der öffentliche Patient

Als Christoph Schlingensief 2004, noch ahnungslos und unbelastet von kommenden Ereignissen, in Bayreuth seinen "Parsifal" inszenierte, soll er gesagt haben, er werde von dieser Arbeit noch Krebs bekommen.

Im vergangenen Sommer, während einer Chemotherapie-Phase, zeigte er im Gorki-Studio in geschlossener Aufführung ein Projekt, das jetzt dorthin als öffentliche Veranstaltung zurückkehrt: Es war Grundlage jener oratorienhaften Trauerfeier, die Schlingensief für sich selbst während der Ruhrtriennale in einem kathedralenartigen Duisburger Stahlwerk in Szene setzte.

Der Abend heißt jetzt nicht "Kirche der Angst", sondern "Zwischenstand der Dinge" - Anspielung auf Wim Wenders' "Der Stand der Dinge", in dem es um das Remake eine Films mit dem Titel "Die Überlebenden" geht. Von einem aktuell "neuen" Zwischenstand sprach jetzt auch ein sichtlich angegriffener Schlingensief. Der Abend wird keine Messe mehr. Es gibt keinen Zorn auf Gott, keine Identifizierung mit Jesus. Ein paar unbeholfene Senioren buchstabieren die Worte "Glaube", "Liebe" und "Hoffnung".

Das schwankt zwischen Kunst, Kitsch und Exhibitionismus. Und der Betrachter sieht und fühlt sich in der Rolle des Voyeurs. Dieser Abend wirkt leiser und zurückgenommen, zumal wenn man bedenkt, wie unzimperlich Schlingensief in seinen Performance-Spektakeln Behinderte und auch Schwerstkranke instrumentalisiert hat. Er kreiert hier einen "erweiterten Krankenbegriff" - eine Variation des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys.

Erfahrungen seiner Krankheit und Ängste

Der Patient Schlingensief, bei dem ein besonders aggressiver Krebs diagnostiziert wurde, thematisiert die Erfahrung seiner Krankheit, seiner Ängste. Und er memoriert Motive seiner Arbeit und seiner Biografie. Deutlich schluchzend hört man seine eigene jammervolle Stimme vom Band, das er auf der Krankenstation besprach. Er weiß auch, dass er "viel Scheiße gebaut" hat. Die spezifischen Stilmittel werden wiederum in diesem autobiografischen, autoletalen Werk eingesetzt: Filmprojektion, Gesang, Theater. Man hört aus Schönbergs "Erwartung" das "Man sieht den Weg nicht" und "so grauenvoll ruhig und leer", aus "Parsifal" das "öffnet den Schrein".

Zwei namhafte, sehr verschiedene Schauspielerinnen wirken hier neben anderen professionellen, aber auch dilettierenden Darstellern mit. Margit Carstensen liegt streckenweise stellvertretend in einem Krankenhausbett. Sie spricht Protokoll-Texte, mit denen Schlingensief auf dem Diktiergerät in der Klinik seine Lage reflektiert hat. Selbstmordgedanken und sarkastische Zurückweisung der klassischen dramatischen Katharsis von "Angst und Schrecken". Angela Winkler, alles andere als eine typische Protagonistin des Schlingensief-Theaters, steigert sich in einem mütterlichen Telefonat in die Absurdität eines Mediziner-Kauderwelschs. Schlingensief wütet gegen die eigene Mutter, weil sie ihn nicht besuchte und stattdessen Schokolade gegessen habe. Ein Film, den der Vater damals gedreht hat, zeigt den kleinen Christoph, wie er Totschießen und Sterben spielte.

Man spürt die selbsttherapeutische Absicht dieser Inszenierung. Sie entzieht sich den herkömmlichen Kriterien der Rezension. Die Mitwirkenden treten immer wieder hervor. Das Publikum applaudiert.

Maxim Gorki Theater/Studio Hinter dem Gießhaus 2. Mitte. Die Vorstellung heute ist ausverkauft