Interview

Nichts als die Wahrheit

Zwischen zwei Konzerttouren mit dem Berliner Erfolgstrio Die Ärzte und der Veröffentlichung eines Bildbandes entstand das dritte Solowerk von Farin Urlaub, dem großen Blonden aus Berlin. Bei der Arbeit an "Die Wahrheit übers Lügen" entdeckte der Sänger und Gitarrist Dancehall und Reggae, seine Abneigung gegen Casting Shows und eine geheimnisvolle Todessehnsucht.

Mit dem 45-jährigen Farin Urlaub, der bürgerlich Jan Vetter heißt, sprach Stefan Woldach.

Berliner Morgenpost:

Das neue Album ist ja gleich ein ein Doppelalbum geworden, auf dem es neben bewährtem Post-Punk-Rock auch Reggae, Ska und Dancehall gibt.

Farin Urlaub:

Ich hatte da ein echtes Luxusproblem. Rock und Reggae sind irgendwie wie Öl und Wasser. Das sind eben zwei unterschiedliche Lebensgefühle. Kein Wunder: Das eine kommt aus dem verregneten England, das andere aus dem sonnigen Jamaika. Haut nicht hin. Also dachte ich: Okay, zwei Tonträger, frei nach dem Motto: Such dir das Racing Team deiner Wahl!

Sie zeichnen ein ziemlich düsteres Bild unserer Gesellschaft. Wie passt das zu Ihnen, als bekennender Berufsoptimist?

Auslöser ist die frustrierende Beobachtung, dass es bei vielen Menschen irgendeinen Punkt zu geben scheint, bei dem sie irrational aggressiv reagieren. Ich erlebe das jeden Tag auf der Berliner Stadtautobahn: Manche Leute werden da total wahnsinnig. Zum Glück ist diese Schwelle bei jedem Menschen anders. Aber wenn sich genügend Deppen treffen, hauen die sich wegen Nichts ins Gesicht. Oder ziehen in den Krieg. Ich find das alles komisch.

Parallel beschallen uns Radiosender mit süßlicher Musik. Soll das Album deshalb "eine Schneise der Verwüstung durch die Radiolandschaft" ziehen?

Das bezieht sich natürlich aufs Formatradio. Welcher Satanist auch immer die Idee dazu hatte: er vergisst, dass Menschen ein gewisses Maß an Erinnerungsvermögen besitzen. Ich will nicht 20 Mal am Tag das gleiche Lied hören. Nicht mal mein eigenes! Das Formatradio setzt jedoch voraus, dass wir alle völlig geistesgestört sind. Und scheinbar arbeiten diese Leute darauf hin, dass irgendwann nur noch fünf Lieder über den Sender laufen.

Die große Hit-Rotation!

Genau! Und dazwischen ein Jingle: 'Die Besten der Besten!' Genau dagegen wehrt sich der Song "Monster".

Ein Song wie "Die Leiche" hätte das Rotationsproblem ebenfalls kaum. Klingt wie Popmusik für Norman Bates?

Stimmt haargenau. Man guckt "Psycho" die ganze Zeit in dem Glauben, dass es da diese sinistre Mutter gibt. Und dann kommt die Szene, in der unsere Heldin dieses Skelett entdeckt, und du kapierst schlagartig: Der Typ ist ja komplett irre! Ich fand diese Sekunde des Begreifens derart spannend, dass ich versucht habe, daraus einen ganzen Song zu machen.

Jungen Musik-Talenten wird heute gern eingeredet, es zähle nur der Glam-Faktor, um ein Star zu sein.

Bullshit! Das wirkliche Leben ist doch gar nicht so. Ich werde oft in Interviews gefragt: Was war das Beste, was das Wichtigste -

und ich kann immer nur sagen: Hallo, Leute - mein Leben ist nicht pausenlos geil! Mein Leben ist ganz viel spannendes Mittelmaß! So ein Tag ist nicht immer nur ein einziger Orgasmus. Ich halte das für eine gefährliche Entwicklung.

Das Problem ist, dass heutzutage nur zu zählen scheint, was schnell Erfolg hat. Auch wenn der relativ ist, wie die Casting Shows zeigen.

Auch Quatsch. Wenn all diese Leute wirkliche Stars wären, wüssten wir doch doch die Namen der Gewinner dieser komischen Staffeln. Und? Wissen wir die? Nee! Siehste.

Sie haben die Songs zum ersten Mal gemeinsam mit dem Racing Team als Band erarbeitet. Sind Sie also nicht mehr der "Diktator de luxe", wie Sie gerne behaupten?

Doch, bin ich schon. Aber das ist cool mit allen. Es hatten tatsächlich alle im Racing Team Mitspracherecht. Ein Song wurde zum Beispiel komplett gekippt: 'Tut uns leid Chef, aber der ist echt Grütze!' Der hieß ausgerechnet noch "Lieblingslied". Nun, war er offenbar nicht! (lacht)

Sie halten den Weltrekord darin, in Musikvideoclips ums Leben zu kommen, bislang sieben Mal. Woher kommt diese Todessehnsucht?

Schuld bin da nicht ich, sondern Norbert Heidtker, mit dem wir die meisten Clips für Die Ärzte gedreht haben. Das wurde irgendwann echt eine liebe Gewohnheit für mich: In Clips wird gestorben! Wenn alles klappt, werde ich zur nächsten Single wieder sterben. Ich freu mich schon drauf.

Ist das die Wahrheit?

Ich schwöre!

Das Album Farin Urlaub: Die Wahrheit übers Lügen (Universal)

Das Berlin-Konzert: 19. Dezember, Columbiahalle (ausverkauft)