Der "Kokain-Skandal" in der Berliner Philharmonie

| Lesedauer: 5 Minuten
Herbert Haffner

Die Berliner Philharmoniker feiern in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen. Am 1. Mai findet das Jubiläumskonzert unter Sir Simon Rattle statt.

Die Berliner Philharmoniker feiern in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen. Am 1. Mai findet das Jubiläumskonzert unter Sir Simon Rattle statt. Mit einer Serie widmet sich die Berliner Morgenpost in loser Folge der Geschichte des Orchesters. Heute geht es um einen ungewöhnlichen Skandal.

11. Januar 1929, Berliner Philharmonie, Bernburger Straße: Lise Maria Mayer, eine 35-jährige Komponistin und Dirigentin aus Wien bringt ein Programm mit Beethovens Vierter, Carl Maria von Webers "Euryanthe"-Ouvertüre, vor allem aber ihrer eigenen vierzigminütigen spätromantischen Tondichtung "Kokain" zu Gehör. Nach der Konzertpause stürmt plötzlich ein Mann, der eine Erklärung abgeben will, das Podium. Gleichzeitig entsteht im Saal ein Riesentumult, die Dirigentin wird ohnmächtig, man ruft die Polizei, die nur mühsam die Ruhe wieder herstellen kann. Der Grund für den Aufruhr liegt keineswegs am Kokain und auch nicht an den musikalischen Leistungen von Frau Mayer.

Einhundert Jahre lang waren die Berliner Philharmoniker ein reiner "Männerverein". Erst 1982 konnte sich die 26-jährige Geigerin Madeleine Carruzzo als "First Lady" gegen ihre Mitbewerber durchsetzen.

Dirigentinnen waren zugelassen

Weniger leicht hat man es allerdings mit Damen namens Meyer oder Mayer. Im einen Fall geht es um die von Karajan favorisierte Klarinettistin Sabine Meyer, deren Probezeit und Dann-doch-nicht-Anstellung Mitte der 1980er Jahre zu einem schier endlosen Machtspielchen zwischen Chefdirigent und Orchester und schließlich zum Zerwürfnis der Philharmoniker mit Karajan führt. Doch die Ressentiments des Orchesters sind geringer, wenn eine Dame am Pult steht, noch dazu eine, die auch komponieren kann. So dirigiert schon 1887 Mary Wurm ihr Klavierkonzert vom Instrument aus, 1923 spielt man unter Eva Brunelli Tschaikowsky und Mussorgsky, im Jahr darauf hört man unter der renommierten britischen Pianistin und Komponistin Ethel Leginska in Erstaufführung deren eigene "Exotische Suite".

Und ähnlich soll es nun an diesem 11. Januar 1929 werden, bei einem Konzert der 34-jährigen Franz-Schalk-Schülerin Lise Maria Mayer. Der Saal ist spärlich besetzt, man erwartet nichts wirklich Spektakuläres. Doch das wird sich schnell ändern. Denn am Neujahrstag 1929 war in einer angesehenen Berliner Zeitung ein Heiratsinserat erschienen, nach dem eine junge, hübsche Wienerin, Witwe eines Großindustriellen mit schönem Berliner Heim, die Bekanntschaft eines "lieben und guten Kameraden" suche. Natürlich ist das Interesse an einer solch guten Partie ungewöhnlich groß. Jeder der Heiratswilligen - es sind über einhundert - erhält einen buntfarbenen "Liebesbrief", in dem ihm die Dame mitteilt, sie freue sich auf ein Treffen und sitze im Freitagskonzert der Philharmoniker "in einer der vordersten Reihen". Erkennungszeichen sei ein Strauß weißer Rosen, den sie trage. Also machen sich die Herren an diesem Abend auf, kaufen die sündhaft teuren Karten für die vordersten Plätze, sind aber enttäuscht, denn eine Dame mit weißen Rosen lässt sich nirgendwo blicken.

Im Lauf der Konzertpause müssen sich die potenziellen Freier irgendwie kurzgeschlossen haben, denn es fliegt auf, dass es sich hier um ein "Massenrendezvous" handelt. Kein Wunder also, wenn die heiratslustigen Herren anschließend im Saal laut ihrer Empörung Ausdruck geben. Einer steigt gar aufs Podium und erzählt dem Publikum, wie und warum er einem Betrug zum Opfer gefallen ist, wird jedoch wegen des allgemeinen Wirrwarrs kaum gehört. Als nach dem Polizeieinsatz dann Ruhe herrscht, findet die Dirigentin wieder zurück ins Bewusstsein und macht sich an die Weber-Ouvertüre. Doch nach dem Konzert laufen die "Geschädigten" schnurstracks zum nächsten Polizeirevier und erstatten eine Betrugsanzeige gegen Unbekannt.

Übeltäter war der eigene Ehemann

Die Polizei arbeitet erstaunlich schnell. Schon am nächsten Tag kann sie eine Meldung an die Presse geben: "Eine der Künstlerin nahe stehende Persönlichkeit ist als Urheber des Heiratsinserats und des daraus resultierenden Skandals festgestellt. Es liegt auch bereits ein volles Geständnis vor. Die Persönlichkeit hat sich bereit erklärt, denjenigen Herren, die sich durch die Ausgaben für die Eintrittskarten geschädigt fühlten, den Geldschaden zu ersetzen." Als "nahe stehende Persönlichkeit" entpuppt sich ein Herr Gaberl, Ehemann der Künstlerin, der die Anzeige ohne ihr Wissen aufgegeben und durch ein Büro die Briefchen hat verschicken lassen. Er wollte, wie er gestand, den Kartenverkauf ankurbeln und besonders die teuren Plätze loswerden. Ob er nicht sogar den Aufruhr aus Reklamegründen hat provozieren wollen, wird nie ganz geklärt.

Doch die geschädigten "Freier" gründen eine "Rosenkavalier-Abwicklungs-GmbH", welche die zivilrechtlichen Ansprüche durchsetzen soll. Es geht den Geschädigten nämlich nicht nur um das Geld für die teuren Karten, einer hat sich zum Beispiel eigens einen Smoking schneidern lassen, und besonders getroffen fühlen sich die Herren, weil die bald wieder ganz muntere Dirigentin gesagt haben soll, sie seien "ja nur grüne Jungens".

Als die Polizei rechtlich alles geklärt hat, verlassen Frau Mayer und Herr Gaberl aus Angst vor den Freiern fluchtartig die Hauptstadt. In der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" liest man zwei Tage nach dem Konzert: "Frau Mayer hat inzwischen ihrem Mann verziehen und von den Plänen einer Scheidung Abstand genommen."